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 Hattenheim - Geschichte


Hattenheim, um 954 kirchlicher Filialort von Eltville, erhielt von Erzbischof Willigis (975-1011) das Recht, seine Kapelle mit einem Priester zu besetzen, der taufen und beerdigen durfte, nicht anders als Erbach, Walluf und Steinheim, allerdings mit der Einschränkung, dass der Mutterkirche zu Eltville keine Beeinträchtigungen bezüglich des Synodus und des Zehnten entstehen dürften. Fest steht damit, wie wir von einer Urkunde Erzbischof Siegfried I. aus den Jahren 1060/1072 wissen, dass alle diese Orte eigene Gotteshäuser waren und je einen Geistlichen besaßen, ausgestattet mit den essentialen Rechten eines Pfarrers. In weltlicher Hinsicht erfolgte die Trennung Hattenheim von seinem Mutterort erst später. Erstaunlicher Weise gibt es jedoch keinen sicheren Beweis dafür, ob Hattenheim ursprünglich einmal zu Eltville oder Oestrich gehörte. Unzweifelhaft ist jedoch, dass Hattenheim zu beiden Orten enge Bindungen besaß. Hattenheim 1939 So hatte das zur Oestricher Urmark gehörige Schloss Vollrads das Recht der allgemeinen Viehtrift nicht nur in der Oestricher Urmark, sondern auch in der Hattenheimer Gemarkung. Ferner ließ man, da Hattenheim kein eigenes Gemeindesiegel besaß, noch im 14. Jahrhundert und bis zum 15. Jahrhundert hinein alle Urkunden entweder von Oestricher Schultheißen oder vom Hattenheimer Pfarrer siegeln. Das könnte auf einen weit zurückliegenden grundherrlichen Zusammenhang der beiden Orte hindeuten, muss es jedoch nicht. Denkbar ist auch, dass die Hattenheimer Oestrich nur wegen der größeren Nähe bei Amtsgeschäften bevorzugten. 1488 wird dann ein eigenes Hattenheimer Gerichtssiegel nachweisbar.

Die erste Pfarrkirche war ein kleiner romanischer Bau, der noch eine Holzdecke besaß. In den Jahren zwischen 1320 und 1321 erbaute man die Margarethenkapelle; eine weitere Kapelle, dem heiligen. Nikolaus geweiht, die um 995 erbaut sein soll, ist in dieser Form nicht nachweisbar, wenn auch wahrscheinlich. Die Hattenheimer Pfarrkirche St. Vincenz ist eine Barockkirche aus der Zeit um 1740. Erheblich älter ist jedoch der viereckige Turm, der in einem stumpfen achteckigen Helm ausläuft; er gilt als Teil eines frühgotischen Baus aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Gemessen an der Höhe des Turmes muss die alte Kirche erheblich kleiner gewesen sein als die Pfarrkirche heute.

Rund um die Kirche dehnte sich einst der Friedhof; er wurde jedoch 1824 auf Anordnung der nassauschen Regierung durch einen anderen ersetzt. Dicht dabei befindet sich eine Kreuzigungsgruppe, ein Werk von hohem Rang aus der Backoffen-Schule in Mainz.

Dicht bei der Kirche, in nördlicher Richtung, liegt die ehemalige Burg von Hattenheim, ebenso wie die Mittelburg in Rüdesheim und die von Vollrads, eine Turmburg. Die Hattenheimer nannten sie den "Bau", oder auch den "Stock". Im Einzelnen werden zwischen einem weiteren und einem engeren Bereich der Burg unterschieden. Zum weiteren gehört, außer der eigentlichen Burg, noch der Greiffenclauer Hof, dessen Keller früher in Verbindung mit dem Burgturm gestanden haben muss. Die Burg selbst ist ein viergeschossiger Wohnturm (13m x 9m) mit einem hohen Walmdach, dessen Abschluss ein hoher Schornstein mit zwei Wetterfahnen aus den Jahren 1584 und 1787 bildet. Der Eingang lag wahrscheinlich nicht im Erdgeschoss, sondern irgendwo im ersten Obergeschoss, zu dem ein hölzerner Treppenaufgang führte, der sich bei Gefahr rasch entfernen ließ. Das Alter des "Stocks" ist schwer zu bestimmen, da es an Datierungen und Chroniken fehlt. Das älteste Stück ist ein gotischer Kamin, Teile des Mauerwerkes deuten jedoch in die Romantik. Lobenswert die Initiative der Hattenheimer, die in Eigenarbeit den Wohnturm einer sinnvollen Nutzung zuführten und die Burg vor dem Verfall retteten.

In Hattenheim spielte der Weinbau schon immer eine besondere Rolle, die bis in die Römerzeit zurückreicht. Was bisher nur vermutet werden konnte, wurde durch den Fund eines römischen Winzermessers erhärtet: sichelähnliche Form, Länge der Klinge etwa 9,5 cm, Länge des (vermoderten) Holzgriffs 8,2 cm. Die meisten Weinbergslagen sind schon in dem Güterverzeichnis des Klosters Eberbach (oculus memoriae) aufgeführt, welches vor 1211 angelegt wurde. Einen weltweiten Ruf genießen: Nussbrunnen, Wisselbrunnen und Mannberg, Pfaffenberg, Hinterhaus, Hassel, Engelmannsberg, Schützenhaus und Heiligenberg. Ein bedeutsames Dokument, dass die Rolle des Hattenheimer Weinbaus noch unterstreicht, ist das "Schröderbruderschaftsbuch" aus dem Jahre 1442. Es zeigt, dass die Schröder (auch Schröter) zu jener frühen Zeit bereits organisiert waren. Ihre Aufgabe bestand  darin, die Weinfässer aus den Kellern auf die Wagen und Schiffe zu schroten (ahd.: scrotan = wälzen, rollen), eine schwierige und verantwortungsvolle Tätigkeit, die nur in gemeinsamer Arbeit zu leisten war. Überliefert ist außerdem eine religiöse Zeremonie, die zeigt, wie tief der Weinbau einst im Bewusstsein der Menschen verwurzelt war. So wurde 1600 in Hattenheim um Mitternacht vor dem St. Urbanstag, dem 25. Mai, mit allen Kirchenglocken geläutet und die Statue des Schutzpatrons der Winzer in einem gut gepflegten Weinberg aufgestellt und mit Weinlaub geschmückt. Gegen vier Uhr morgens holte man die Skulptur zurück. Der Besitzer des Weinberges war danach verpflichtet, den Urbansmännern zum Dank ein Essen mit Wein zu spenden. Nach dem Volksglauben war das am Urbanstag herrschende Wetter ein verlässlicher Hinweis auf die Qualität der kommenden Weinernte. Regnete es, zeigte man sich weniger rücksichtsvoll: Man setzte den Heiligen dann entweder in einen Bach, in einen Brunnentrog oder in den Rhein.

In Hattenheim dominierte von jeher der Großgrundbesitz. Von 83 selbständigen Weinbaubetrieben ist die Staatliche Domäne mit 165 Morgen Weinbergsland der Größte. Es folgen Freiherr Langwerth von Simmern, Graf von Schönborn-Wiesentheid, Prinz Friedrich von Preußen, die Georg-Müller-Stiftung, das Weingut der Stadt Eltville, und Graf Matuschka-Greiffenclau. Bei der Besitzverteilung ergibt sich eine soziologische Besonderheit: Sämtliche Eigentümer dieser sechs Weingüter, soweit es sich um natürliche Personen im juristischen Sprachgebrauch handelt, wohnen nicht in Hattenheim. Eine Persönlichkeit, noch heute in der Erinnerung vieler Rheingauer lebendig, verdient es, hier festgehalten zu werden: Weihbischof Valentin Heimes - Kirchenfürst, Staatsmann, aufgeschlossen, reformfreudig, ebenso dem Wein wie der Kunst verbunden. Valentin Heimes wurde 1741 in Hattenheim als drittes Kind des Winzers Christian Heimes geboren, der aus Hallgarten stammte. Wahrscheinlich waren es Eberbacher Mönche, die die ungewöhnliche Begabung des Jungen erkannten und seine geistige Entwicklung bis zum Eintritt ins Priesterseminar förderten. In die Familienchronik schrieb der Vater: "1761 im May ist mein Sohn Valentin von Brüdern in das Seminary kommen und ist darin gewest fünfeinhalb Jahr und hab zahlen müssen 250 Florin pro Monath. October als den 4ten hatt seine 1. Hl. Messe gelest auf unser Kichweih im Jahr 1765 und ist caplan worten zu Niterolm." Hattenheim 1925 In Mainz studierte er Theologie, Kirchen- und Zivilrecht. Schon bald wurde er von Niederolm auf die Pfarrstelle nach Neuhaus bei Worms versetzt, wo man ihn mit der Visitation der Wormser Klöster, Schulen und Stifte betraute. Seine Berichte, mit großer Offenheit abgefasst, förderten manche Missstände zutage und brachten ihm persönliche Anfeindungen, erregten jedoch auch die Aufmerksamkeit des Erzstiftes. Kurfürst Emmerich-Josef von Breitbach-Bürresheim stützte persönlich den jungen Kleriker und machte ihn zum Geistlichen Rat. Sein Nachfolger, Carl Friedrich von Erthal, ernannte ihn zum Geheimen Referendarius. Mit 35 Jahren wurde er Weihbischof von Mainz. Wenig später ernannte ihn der Papst zum Titularbischof von Valona. Doch Valentin Heimes, nach und nach mit immer mehr Ämtern betraut, enger Berater des Erzbischof und Kurfürsten, Staatsministern, Präses des erzbischöflichen Seminars zu Mainz und Worms, Kapitelherr, Dekan und Beneficiatur, war nie ein bequemer Herr. Offen und kämpferisch setzte er sich für die Abschaffung des Zölibats und für eine größere Selbständigkeit der Kirche in Deutschland gegenüber Rom ein. Keine seiner Reformbestrebungen gelangte über Ansätze hinaus. Die große Politik, ausgelöst vom revolutionären Frankreich, seinen Ideen, Ansprüchen und Eroberungen, Bündnissen und Liquidationen unter Napoleon, machte auch Mainz ein Ende. Weihbischof Heimes kehrte schließlich nach Hattenheim zurück, wo er fortan, zusammen mit seiner lebenslustigen Schwester Margarethe ein großes Haus führte. Wie hoch war der Anteil Margarethes, die jahrelang im Kurfürstlichen Schlosse ein- und ausgegangen war, am steilen Aufstieg des Bruders gewesen? Wie die Tradition weiß, war sie eine der Favoritinnen des Mainzer Kurfürsten und Frauenfreundes Erthal, eine seiner "Griechinnen" gewesen, wie der lebensfrohe Politiker sie nannte. Sicher hatte ihr Bruder, der keiner der traditionsreichen Mainzer Familien oder Stiftsadel angehörte, dann und wann ein wenig Protektion gut getan. Eine erhellende Gescheitheit spricht aus seinem breiten Gesicht, Neugier, Lebensfreude, Lebensweisheit und, hinter der Maske des Grandseigneurs, viel Güte. Er hatte um die Rolle der Schwester gewusst, der Kurfürst die Hattenheimer Grünaue zu Lehen gegeben hatte. Im Nachlass der Heimes-Geschwister soll sich noch ein Passierschein befunden haben, ein "Laissezpasser" der Schwester, der ihr, selbst noch während der Franzosenheit, die Türen der Mainzer Residenz öffnete. Doch alle Fortschrittlichkeit, alle Unabhängigkeit des Urteils, selbst die steile Karriere hätten nicht ausgereicht, seinen Namen über die Jahrzehnte im Rheingau lebendig zu halten. Das besorgte ein anderer für ihn - Goethe selbst in seiner Erzählung "Sankt Rochusfest zu Bingen". Zusammen mit "vertrauten geselliger Freunden", die ihm "schon wochenlang in Wiesbaden der heiligen Kur genossen", besuchte Goethe am 16. August 1814 nach einer Fahrt durchs Rheingau das Rochusfest. Die Gesellschaft fand in der Nähe der Kapelle, auf der Rückseite des Hügels, im Freien an einem "geschirmten, langen, schon besetzten Tische" Platz. Man trank, niemand schämte sich der Weineskust. Goethe schrieb: "Wir fragen, ob denn wahr sei, dass es geistlichen Herren, ja Kurfürsten geglückt, acht rheinische Maß, das heißt sechzehn unserer Bouteillen, in vierundzwanzig Stunden zu sich zu nehmen?" Ein scheinbar ernsthafter Gast bemerkte: "Man dürfe sich, zur Beantwortung dieser Frage, nur der Fastenpredigt ihres Weihbischofs erinnern, welcher, nachdem er das schreckliche Laster der Trunkenheit seiner Gemeinde mit den stärksten Farben dargestellt, also geschlossen habe: .... Der Missbrauch aber schließt den Gebrauch nicht aus. Stehet doch geschrieben: Der Wein erfreuet des Menschen Herz! Daraus erhellet, dass wir, uns und anderen zu erfreuen, des Weines gar wohl genießen können und sollen. Nun ist aber unter meinen männlichen Zuhörern vielleicht keiner, der nicht zwei Maß Wein zu sich nehmen, ohne deshalb gerade einige Verwirrung seiner Stimme zu spüren; wer jedoch bei dem dritten oder vierten Maß schon arg in Vergessenheit seiner selbst gerät, dass er Frau und Kinder verkennt, sie mit Schelten, Schlägen und Fußtritten verletzt und seine Geliebtesten als die ärgsten Feinde behandelt, der gehe sogleich in sich und unterlasse ein solches Übermaß, welches ihn missfällig macht Gott und Menschen, und seinesgleichen verächtlich. Wer aber bei dem Genuss von vier Maß, ja von fünfen und sechsen, noch dergestalt sich selbst gleich bleibt, dass er seinen Nebenchristen liebevoll unter die Arme greifen mag, und weltliche Obern auszurichten sich imstande findet, auch der genieße sein bescheiden Teil, und nehme es mit Dank dahin. Er hüte sich aber, ohne besondere Prüfung weiter zu gehen, weil hier gewöhnlich dem schwachen Menschen ein Ziel gesetzt ward. Denn der Fall ist äußerst selten, dass der grundgütige Gott jemanden die besondere Gnade verleiht acht Maß trinken können zu dürfen, wie er mich, seinen Knecht gewürdigt hat. Da mir nun aber nicht nachgesagt werden kann, dass ich in ungerechtem Zorn auf irgend jemand losgefahren sei, dass ich Hausgenossen und Anverwandte misskannt, oder wohl gar die mir obliegenden geistlichen Pflichten und Geschäfte verabsäumt hätte, vielmehr ihr mir alle das Zeugnis geben werdet, wie ich immer bereit bin, zu Lob und Ehre Gottes, auch zu Nutz und Vorteil meines Nächsten mich tätig finden zu lassen: so darf ich wohl mit gutem Gewissen und mit Dank dieser anvertrauten Gabe mich auch fernerhin erfreuen. Und ihr, meine andächtigen Zuhörer, nehme ein jeder, damit er nach dem Willen des Gebers am Leibe erquickt, am Geiste erfreut sein werde, sein bescheidenen Teil dahin. Und, auf dass ein solches geschehe, alles Übermaß dagegen verbannt sei, handelte sämtlich nach Vorschrift des heiligen Apostels, welcher spricht: "Prüfet alles und das Beste behaltet." Weinetikett von 1905 Wie immer man dazu stehen mag, ob Weihbischof Valentin Heimes jene Wein- und Fastenpredigt tatsächlich hielt, ob die Anregung dazu aus anderen Quellen stammt, wird sich wohl nie mit letzter Sicherheit klären lassen. Ich halte es hier mit Hedwig Witte, die sagt: "Ich würde sie ihm zutrauen." Wenn es diesem Kirchenfürsten aus dem Rheingau sein Leben lang gut ging, so hängt das gewiss mit den Vorzügen seines Amtes zusammen, sicher aber auch mit alter Regel, wie sie Wilhelm Busch einmal formulierte: "Ein guter Mensch kriegt auch was Gutes." Mit Einschränkungen glaubte er an den Fortschritt, das Ideal des Jahrhunderts, und wie Hegel sah er ihn als Fortschritt zu Freiheit; frei war der Mensch, der durfte, was er für seine Pflicht hielt, trotz Autoritäten, Gewohnheiten und öffentlicher Meinung. Wie andere liberale Katholiken wünschte er nicht am Dogma zu rühren, aber alles, was nicht Dogma war, dem Lichte kritischer Prüfung preiszugeben. Dass er ein Mann von fester Religiosität war, wird nicht nur jene überraschen, die Religion nur in Askese erfüllt finden. Warum sollte er sich nicht nach Zeiten gemäßigten Fastens auch der schönen Dinge dieser Welt erfreuen - am Wein etwa, den er mit Kennerschaft liebte, an Gemälden, Porzellanen, Fayencen und wertvollen Gläsern, die er ein Leben lang mit Umsicht und Sachkenntnis sammelte? Er starb 1806 mit 65 Jahren, und wurde auf eigenen Wunsch um Mitternacht, wie es einem großen Herrn zukam, von zwölf scharlachroten Fackelträgern, die den Trauerzug im Laufschritt flankierten, in Hattenheim zur letzten Ruhe gebracht.

Eine enge Beziehung bestand von alters her zu Kloster Eberbach. Nach einer Urkunde von 1174 schenkte die Gemeinde dem Kloster eine Quelle; später, 1239, verkaufte sie ihm einen durch Steinberg führenden Weg und überließ ihm das Wäldchen Mehrholz. Die Abtei revanchierte sich mit Mahlzeiten, die von "Beigaben" begleitet waren, wie die Chronik berichtet - sogenannten Atzungen, die nicht selten auch Oestrich, Erbach und Hallgarten zu gute kamen.

Quelle: Auszug aus dem Buch "...ist ein feins Ländlein" von Karl Rolf Seufert 1983