Baudenkmale und Geschichte - Der Greiffenclauer Hof


Der Greiffenclauer Hof und seine Inhaber

zum Jungen, Cämmerer von Worms, von Schönburg und von Greiffenclau

Unmittelbar an die Burg schließt sich im Osten der Greiffenclau'sche Hof an, ein zweistöckiger gotischer Steinbau mit einem hohen Dach, das ursprünglich noch steiler aufgestrebt haben wird. Ein schlankes, achteckiges Türmchen, das an der nordöstlichen Ecke auf einem Bogenfries ausgekragt ist, gibt ihm eine charakteristische Note. Es braucht diese heute sehr, da er durch neuhergestellten Verputz viel von seiner altertümlichen Wirkung eingebüßt hat. Die Anlage hat früher einmal zum weiteren Burgbezirk gehört. Sie stand durch den Keller mit dem Wohnturm der Burg in Verbindung und war an den nicht der Burg zugekehrten Seiten von einem Graben umgeben, der auf der Südseite noch lange erkennbar war.

Über die älteren Besitzverhältnisse an diesem Hof gibt uns eine steinerne Urkunde Aufklärung. Der heutige Besitzer des Hofes hat bei einem Umbau einen Wappenstein mit drei Jagdhörnern übereinander sowie mit der Jahreszahl 1527 gefunden und diesen an der Außenfront des Wohnhauses neben dem Eingang in die Wand eingelassen. Dieser Stein beweist, dass der Hof zu der genannten Zeit im Besitz des Mainzer Adelsgeschlechtes zum Jungen gestanden hat, das dieses Wappenzeichen führte. Allerdings ist dies nicht das einzige Gut in Hattenheim gewesen, an welchem den zum Jungen Rechte zustanden. Es steht nämlich fest, dass, als Johann Langwerth von Simmern 1472 von den Allodialerben nach Adam Cämmerer von Worrns mit zwei Anteilen an der Burg belehnt wurde, zunächst ein weiterer Anteil in Händen der von Wolfskehl und der zum Jungen blieb 71), der erst 10 Jahre später von den jetzigen Inhabern dieses Anteils, Wiltrud von Wolfskehl und ihrem Ehemann, auf Johann Langwerth übertragen wurde. Die zum Jungen, die mit den Wolfskehl verschwägert waren, scheinen somit auch zu den Allodialerben nach Adam Cämmerer von Worms gehört zu haben. Da aber die Burg von Hattenheim schon 1475 von der Familie von Langwerth bewohnt wurde, und der Greiffenclau'sche Hof noch 1527 im Besitz der zum Jungen war, so werden wir den Wohnsitz der letzteren in erster Linie in unserem Hof zu suchen haben.

Wir wissen aus der Familiengeschichte der zum Jungen, der sog. "Genealogia" von etwa 1653 72), dass Henne zum Jungen der Alte gen. Herbold, der um 1370 geboren sein muss aus der Erbschaft des schon früher erwähnten Nikolatis (Clas) von Scharfenstein (†1357) und dessen Gattin Agnes zum Silberberg (†1381) "das adlige Gut zu Hattenheim und Erbach und das Haus Horneck" geerbt hat. Es kann sich dabei in Hattenheim aus den schon erörterten Gründen nur um den Greiffenclau'schen Hof gehandelt haben 73).

Die zum Jungen waren das reichste und angesehenste Mainzer Geschlecht im Mittelalter. Sie besaßen den Adel und führten diesen auf Barbarossa zurück. Ihre Familie war mit verschiedenen rheingauischen Adelsgeschlechtern verschwägert 74) und erlangte im Zusammenhang damit außer in Hattenheim und Erbach auch in Oestrich, Mittelheim und Geisenheim Besitzungen. Trotzdem lag ihr Schwerpunkt weiter in Mainz, bis sie infolge der dortigen Zunftkämpfe mit anderen Geschlechtern zusammen in den Jahren 1419 / 1420 endgültig aus Mainz auswanderte 75).

Henne zum Jungen der Alte, der 1433 starb, ist in der Kirche zu den Predigern in Mainz beigesetzt worden. Das früher dort befindliche Epitaph nannte aber Hattenheim als seinen Wohnort 76).

Auch sein Sohn, Henne zum Jungen der Junge, hat in Hattenheim seinen Wohnsitz gehabt 77). Er war zweimal verheiratet, und zwar in erster Ehe mit Mechtild von Germersheim, die 1452 kinderlos starb, und in zweiter Ehe mit Anna von Rosenberg, die ihm zwei Söhne schenkte, welche aber noch vor den Eltern verstorben sein sollen 78). An die Erbschaft nach Clas von Scharfenstein erinnert die Tatsache, dass Henne zur Erfüllung eines Vermächtnisses desselben 1461 dem Prediger und Barfüßer Orden zu Mainz an Stelle eines fälligen Ohms roten Weins von der Lage Wistelbrunn (Wisselbrunn) 30 Goldgulden zahlte. 1478 errichtete Henne mit der zweiten Frau ein Testament, laut welchem derjenige, der gegen dasselbe handele, mit 2.000 Gulden der Kirche in Hattenheim verfallen sei. Henne starb noch im gleichen Jahre jählings in Mainz und wurde dort in der Kirche der Barfüßer im Grabe eines von Rosenberg beigesetzt. Gleichwohl erhielt er mit seinen beiden Frauen auch in der Hattenheimer Kirche ein Denkmal, und zwar bei dem damals in derselben befindlichen "Heiligen Grabe". Er, im Harnisch, und seine erste Frau waren mit ihren Wappen beiderseits einer Kreuzigungsgruppe kniend in Stein gehauen. Rechts daneben befand sich das Standbild der zweiten Frau mit ihrem Wappen 79). Das Epitaph muss bei dem im 18. Jahrhundert geschehenen Neubau der Kirche zerstört worden sein.

Wer von den Verwanden Hennes des Jungen das Gut zu Hattenheim geerbt hat, steht nicht fest. Die halbe Aue bei Ginsheim, die Henne vom Reich zu Lehen getragen hatte, erbte sein Vetter Ortlieb zum Jungen. Henne kann aber auch noch andere Erben gehabt haben. Er besaß noch weitere Vettern, außerdem auch eine Schwester Greta, die mit Jeckel Jud von Eltville, Erbamtmann von Wiesbaden, verheiratet war 80). Diese hat mit ihrem Manne auch in der Kirche zu Hattenheim ihr Grabmal gefundener 81), ein Zeichen dafür, dass sie trotz der Heirat noch enge Beziehungen zu Hattenheim behalten hatte. Eine Tochter aus dieser Ehe heiratete 1494 Siefried Horneck von Heppenheim 82). Dieser ist vielleicht ein Sohn oder Enkel von Hans Horneck von Heppenheim aus Erbach gewesen, der mit Gelthaus, die auch dem zum Jungen'schen Geschlecht entstammten und deren Großvater in Erbach gelebt hatte, verheiratet war 83).

Der zum Jungen'sche Hof ist zwischen 1527 und 1549 an Wolfgang Cämmerer von Worms übergegangen, der aber nicht der Linie Dieters I. und Adams, sondern der Linie Winands (†1365) eines Bruders Dieters 1., angehörte 84 85). Wolfgang starb 1549 als letzter männlicher Spross seines Zweiges. Seine im gleichen Jahr gestorbene Erbtochter Anna 86) hatte mit ihrem Gemahl Dietrich von Schönburg ebenfalls keine männliche Nachkommenschaft, sondern wiederum nur eine Erbtochter, die ebenfalls Anna hieß.

Diese heiratete in erster Ehe den Amtmann zu Stromberg, Richard von Greiffenclau Vollrads (†1558), einen Neffen des Trierer Erzbischofs gleichen Namens 87 88). So kam der Hof an das Greiffenclau'sche Geschlecht, von dem er seitdem den Namen trägt.

Von dem "Mannwerk", mit welchem die Familie Langwerth von Simmern belehnt worden war, befanden sich zur Zeit des dreißigjährigen Krieges 4 Zeilen, die in Erbpacht ausgegeben waren, in Greiffenclau'scher Hand. Statt des Pachtschillings in Höhe von einem Drittel des Naturalertrages hatte die Familie Langwerth von Simmern das Recht erhalten, bei Feuersgefahr durch den Greiffenelau'schen Hof zu gehen, zu welchem, wie gesagt, ein unterirdischer Gang führte 89).

Der Hof ist bis 1930 im Besitz der Greiffenclau'schen Nachkommen geblieben und dann ohne die zugehörigen Ländereinen an die Gemeinde Hattenheim verkauft worden. Dieser hat ihn an Valentin Gerhard weiter veräußert. Ein Vorfahr desselben ist schon im Schröderbruderschaftsbuch von 1442 als "der lange Gerhard" erwähnt. Dieser Familienname ist der einzige unter allen in dem Bruderschaftsbuch aufgeführten, der heute noch in Hattenheim vertreten ist.