Bericht - Werde innerlich


Während Sträucher und Bäume nahe des Rheinufers braun und kahl stehen, beugen sie sich in Kloster Eberbach unter der Last eisiger Reifnadeln. Im engen, bewaldeten Tal des Kisselbachs ist es einige Grad kälter. Auch der Nebel scheint die Gebäude hier dichter abzudecken, der Hahn des gedrungenen Turms, der auf dem Dach der Basilika thront, ist kaum zu sehen. Alles wirkt wie in Watte gepackt, das Leben scheint nur noch gedämpft vonstatten zu gehen. Vom bunten, lauten Treiben des Sommers mit Konzerten, Tagungen oder den Strömen von Besuchern ist im Klostergarten nichts mehr zu spüren. Zwischen den Jahren ist es hier einsam. Über allem liegt klösterliche Ruhe, die die Zisterzienser suchten, als sie sich 1136 im stillen Tal niederließen. Wohlige Wärme empfängt einen, wenn man vom großen Klosterhof in den Konversenbau tritt. Die Laienbrüder des Mittelalters konnten davon nur träumen. Im Winter war das Leben im Kloster besonders hart. Im Laiendormitorium finden heutzutage Veranstaltungen statt, ein Aushang macht auf die nächste aufmerksam: \"Ehrenamtliches Engagement in Gesellschaft und Kirche\" heißt der Vortrag mit Meditation, den die Academie Kloster Eberbach am 2. Januar anbietet. In der Barocketage sitzt die Verwaltung der Stiftung Kloster Eberbach, zwischen den Jahren allerdings mit reduzierter Mannschaft. 15 Leute seien im Dienst, berichtet Büroleiter Michael Palmen. Sie nutzen die ruhigere Zeit, um Dinge aufzuarbeiten, die im üblichen Trubel liegen bleiben. \"Aber meist schafft man das nicht ganz\", sagt Palmen. Bei ihm wie beim Buchungsservice halten sich nun die Anrufe in Grenzen. Mal werde nach Weinführungen gefragt, mal Tagungsräume für Firmenpräsentationen oder Bankette für das nächste Jahr reserviert. Vor Jahren habe es an Silvester sogar mal eine Hochzeit gegeben, erinnert sich Palmen. Die letzte Veranstaltung in diesem Jahr ist das Konzert der \"Black Gospel Singer\" am Tag vor Silvester. Es wird nicht in der Basilika stattfinden, dort ist es derzeit zu kalt. Eine \"Notbesetzung\" hält auch die Stellung in den Büros des Hessischen Staatsbauamts, das die Sanierung des Klosters steuert. \"Baulich geht im Moment im Kloster gar nichts\", berichtet Heinz-Jürgen Nebel. Die ersten Baufirmen gehen erst am 7. Januar ans Werk. Die Firmen kommen aus ganz Deutschland, für die zwei Tage zwischen den Jahren rechnet sich die Anreise nicht. Auf dem Klostergelände sind derzeit nur die Gärtner aktiv, sie streuen beispielsweise die Wege. Die Parkplätze am Schlosserbau wie am Osteingang sind nur spärlich besetzt, es dominieren heimische Kennzeichen. Dennoch grüßen unverdrossen die Standarte der Stiftung, die schwarz-rot-goldene wie die blaue EU-Fahne und nicht zuletzt der Hessenlöwe die wenigen Besucher. Wer vom kleinen Klosterhof auf die Klosterkasse zusteuert, bemerkt am Bauzaun rund ums alte Hospital sofort die großen Lettern: \"Werde innerlich, erkenne dich\", mahnt es dort. Dass die Bauarbeiter zur Kontemplation aufgefordert werden, scheint wohl eher unwahrscheinlich, der Besucher schmunzelt über den ungewöhnlichen Zaunspruch. Aber im Kloster ist wohl alles anders, selbst die Bauzäune. Im Kassenraum trifft man einige Besucher: den Kiedricher Peter Heister, der sich Honig aus dem Klosterladen besorgt, ebenso wie die Obergladbacherin, die mit ihrem Besuch aus Spanien den Rundgang machen möchte. Durch den Klostergarten schlendern Besucher, mit Spiegelreflexkameras bewaffnet. Die Fotobegeisterten kommen aus Saarbrücken und der Pfalz und sahen Fotos von Eberbach im Internet. \"Da will ich auch mal fotografieren\", war ihr Impuls. \"Viele nutzen die Ferien, manche führen ihren Weihnachtsbesuch ins Kloster\", berichtet Kathrin Wischhusen, die heute an der Klosterkasse sitzt. \"Ich wurde sogar gefragt, ob Heiligabend offen ist.\" Bis 12 Uhr registrierte sie bereits 50 Besucher, darunter eine Reisegruppe aus der Schweiz, die offenbar per Hotelschiff auf dem Rhein unterwegs ist. In der Hauptsaison kommt das Kloster an Werktagen spielend auf das Vierfache, an Wochenenden kommen noch mehr Gäste. Anziehend ist das Sortiment des Klosterladens, das von Postkarten bis Federkiel samt Tinte, von Klosterliteratur bis Räucherwaren reicht. Das Gästehaus mit seinen 30 Zimmern ist um diese Zeit geschlossen. Über Silvester jedoch ist das Haus voll, wie Melanie Gsimbsl bestätigt. Den Jahreswechsel in ungewöhnlicher Umgebung verbringen, jenseits von Böller-Knallerei, ist unter Ruhebedürftigen offenbar beliebt. Ein Silvestermenü ist im Kloster-Restaurant zu haben, Feuerwerk jedoch ist in den historischen Mauern verboten.

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