Bericht - Geschichte der goldenen Kuppeln


Draußen leuchtet das Gold auf den Zwiebeltürmchen der Russischen Kapelle in der Sonne. Drinnen sagt die Darmstädter FDP-Politikerin Ruth Wagner: „Ich habe in diesen Tagen Erntedankfeste. Viele Dinge, die in meiner Zeit als Ministerin begannen, kommen nun zu einem Abschluss.“ Denn gerade hält sie das frisch ausgelieferte Buch über das kleine russisch-orthodoxe Gotteshaus in der Hand, und sie ist die Schirmherrin dieser Grundsanierung. Das Buch aus dem Deutschen Kunstverlag ist ein Beleg für den glücklichen Abschluss der jahrelangen Bauarbeiten, deren Teilfinanzierung durch das Land sie als ehemalige hessische Ministerin für Kunst und Wissenschaft auf den Weg gebracht hat. Als Herausgeber firmiert die Wissenschaftsstadt Darmstadt. Es ist mit seinen 89 Seiten eher ein Büchlein aus der Reihe der DKV-Edition geworden, in der bislang elf deutsche Kunstschätze – darunter das Kloster Eberbach – vorgestellt wurden. Denn es ist als Buch zum Mitnehmen gedacht: kein Prachtband, sondern ein handlicher Führer, der ideal geeignet ist dafür, die Kapelle dank viel neuen Wissens mit neuen Augen sehen zu lernen. Die knapp gehaltenen Lesekapitel und die Farbabbildungen belegen, dass es sich gelohnt hat, wenn das Land Hessen, die Stadt Darmstadt, die russisch-orthodoxe, die katholische und die evangelische Kirche, der Rotary-Club Darmstadt sowie viele private Spender seit dem Beginn der Bauarbeiten im Jahr 2004 insgesamt 1,1 Millionen Euro für diese 1899 geweihte Russische Kapelle gegeben haben. Denn man liest und sieht in den Bildern (die meist vom städtischen Denkmalpfleger Nikolaus Heiss stammen): Der Bau ist ein bis heute als Kirche genutzter Raum mit einzigartiger Geschichte und exquisiter Baukunst außen wie innen. Wenn die Mosaiksteine und die Kuppeln jetzt wieder funkeln, Dach, Decken und Wände trockengelegt sind und von Mosaiken wie Fußböden der Schmutz aus Jahrzehnten beseitigt wurde, sind das Arbeiten, für die als Architekt Hans Jürgen Westermeyer verantwortlich zeichnet. Er beschreibt auf seinen Buchseiten, welche Baumaßnahmen in Abstimmung mit der Denkmalpflege und der russisch-orthodoxen Gemeinde ergriffen wurden, um wieder ein Bild der Kirche zu ihrer Eröffnungszeit zu geben. Denn heute ist weitgehend wieder zu sehen, was den russischen Zaren Nikolaus II. und seine Ehefrau Alexandra, die als Prinzessin Alix von Hessen-Darmstadt geboren worden war, bei ihren Besuchen als Privatkirche der Zarenfamilie auf der Mathildenhöhe erwartete. Die Kapelle gehörte Nikolaus II., und sie wurde nach Plänen seines Petersburger Kirchen-Architekten Louis Benois errichtet – auf einem Grundstück, das der letzte Darmstädter Großherzog Ernst Ludwig dem Zaren als seinem Schwager überlassen hatte. Es ist ein familiäres Geflecht, das den russischen Kaiser gleich mehrfach mit der hessischen Fürstenfamilie verband. Darüber schreibt am Beginn des neuen Buchs der Leiter des Großherzoglichen Hessischen Familienarchivs Eckhart G. Franz. Auch deshalb ist die Baugeschichte der Zaren-Kapelle von den Quellen her ebenso gut belegt wie die Tatsache, dass Joseph Maria Olbrich seine 1901 eröffnete erste Künstlerkolonie-Ausstellung sozusagen um die wenige Jahre ältere Russische Kapelle herum entworfen hat – darüber schreiben die Kunsthistorikerinnen Bärbel Herbig und Renate Ulmer. Die wohl wichtigste künstlerische Entdeckung im Verlauf der Sanierung war jedoch der russische Maler Viktor Michajlowitsch Wasnezow, der die Zeichnungen für die Mosaiken gefertigt hat. Inge Lorenz, Kulturbeauftragte der Stadt Darmstadt, erzählt seine künstlerische Biografie – weg von der romantischen Malerei des 19. Jahrhunderts, hin zum neo-russisch genannten Stil. Dieser Stil kommt auch dem gleichzeitigen Darmstädter Jugendstil nahe, wie Lorenz ausführt, und wie es heute wieder aus den Mosaiken und Wandmalereien herausleuchtet. Im nächsten Frühjahr wird die Russische Kapelle offiziell wiedereröffnet, und dann wird auch die neue Weihe des Gotteshauses anstehen. Ein weiteres Verdienst dieses Buches ist es, dass Michael Gorachek darin über die sehr unbekannte russisch-orthodoxen Kirche in Deutschland und auch über die russisch-orthodoxe Gemeinde Darmstadts schreibt – zum Denkmal Russische Kapelle gehört der religiöse Alltag. Bleibt der Garten rund um das Gotteshaus. Noch wird schnödes Brachland mit einem Bauzaun vom Wegenetz der Mathildenhöhe abgegrenzt. Doch soll dort in den nächsten Monaten – mit kleinen Abweichungen wie Rabatten gelber Rosen – der Jugendstilgarten wieder erstehen, den Olbrich 1899 für diesen Ort entworfen hat. Das berichtet Doris Fath als verantwortliche Leiterin des städtischen Grünflächen- und Umweltamtes, und sie erzählt dazu die Entwicklung der Mathildenhöhe vom Weinberg bis zum Architektur- und Garten-Gesamtkunstwerk des Jugendstils: ein viel zu unbekanntes Kapitel darmstädtischer Geschichte. Die Russische Kapelle ist „ein Wahrzeichen Darmstadts“. Damit hat das Kuratorium zur Sanierung der Kapelle über Jahre hinweg an Spender appelliert, woran gestern der frühere Oberbürgermeister Peter Benz als Vorsitzender dieses Kuratorium erinnert hat. Jetzt ist dieses Wahrzeichen nicht länger nur Darmstädter Stolz, sondern erstmals auch in einem Buch dokumentiert worden. „Die Russische Kapelle in Darmstadt“, herausgegeben von der Stadt Darmstadt. Deutscher Kunstverlag, 88 Seiten mit 36 farbigen und sieben schwarzweißen Abbildungen sowie ein Grundriss, acht Euro (ISBN: 978–3–422–02067–2).

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