Die Operationen haben ihr Leben schlagartig geändert. \"Sie dürfen nur noch leichte Arbeiten verrichten\", warnte damals der Arzt. Doch leichte Arbeiten hatte ihr Chef nicht zu vergeben. Auch andere Arbeitgeber zuckten nur mit den Achseln. So ist die Suche nach einer Anstellung bis heute erfolglos geblieben. Mittlerweile ist die Frau 58 Jahre alt. \"Ich bin Hartz IV-Empfängerin\", sagt sie. Der Aussage folgt weder Gejammer noch Kritik an der Politik. Sie \"lebt\", und seit der Gründung des Eltviller Tisches 2006 lebt sie \"besser\". Immerhin kann sie hier das ganze Jahr kostenlos Lebensmittel beziehen. Jetzt hat es sogar zusätzlich eine Überraschungs-Geschenktüte für Weihnachten gegeben. Weihnachten? Sie schweigt.
\"Das ist ein Feiertag\", lautet schließlich ihr einziger Kommentar. Und was wird sie da machen? Sie schweigt erneut. Dann erzählt sie von den Kindern und den Enkelkindern - vom Sohn, der sich die Monatsfahrkarte kaum leisten kann. Mit ihnen will sie sich gemütlich treffen. Geschenke gibt es nur für die Jüngsten, aber lediglich Kleinigkeiten. \"Große Geschenke sind eh nicht wichtig\", findet sie.
Der Mann, der hinter ihr in der Schlange für die Lebensmittel des Eltviller Tisches ansteht, sieht das genauso. Ein Päckchen Zigaretten will er seiner Freundin schenken. Für mehr reicht das Geld nicht, muss es aber auch nicht. \"Es ist wichtiger, jemandem die Hand zu geben, der zu einem hält\", ist er überzeugt. Die Freundin darf sich auf den Handdruck freuen, ebenso sein Betreuer, der ihm das ganze Jahr hilfreich zur Seite steht. Auch dem Eltviller Tisch gilt sein Dank. \"Eine Super-Aktion\", lobt er. Dank der ehrenamtlichen Helfer hat er nun immer zu essen.
Das weiß er zu schätzen, ebenso wie das Dach über seinem Kopf. Denn eine zeitlang war die Straße sein Zuhause. Damals zog er von Stadt zu Stadt. Die Zeit ist ihm in keiner guten Erinnerung. Und so kommt sein Appell, \"an Weihnachten auch zu helfen, vor allem Kranken und Obdachlosen\", nicht von ungefähr. Die Vergangenheit will der Mann hinter sich lassen, in die Zukunft blicken. Auch wenn er weiß, dass sich für einen 60-Jährigen nicht mehr allzu viel ändern wird.
Die lange Schlange vor der Essensausgabe des Eltviller Tischs hat sich mittlerweile ein gutes Stück nach vorne geschoben. Nun sieht auch der Mann den Nikolaus, alias Herbert Hammann, der Nüsse und Schokolade aus seinem großen Sack zieht. Hammann ist einer von insgesamt sechs Helfern, die regelmäßig bei Supermärkten und Bäckereien vorbeifahren, um dort Produkte für die Hilfbedürftigen abzuholen.
Zu den regelmäßigen Spendern gehören Rewe, Plus und Aldi sowie die Bäckereien Dahm, Eckerich und Pfennig. Die Waren werden in der Rheingauhalle zweimal wöchentlich an Hilfsbedürftige aus Eltville, Kiedrich und Walluf ausgegeben. Bezugsberechtigt sind Hartz IV-Empfänger, Menschen, die die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsunfähigkeit erhalten sowie kinderreiche Familien mit geringem Einkommen.
Laut Renate Gahn, Mitbegründerin des Eltviller Tischs, richtet sich das Angebot momentan an insgesamt 86 Haushalte, darunter 60 Familien, zu denen allein 150 Personen zählen. Natürlich wird bei der Ausgabe des Essens auf Besonderheiten wie Diabetes geachtet. Auch die nun verteilten Überraschungstüten, die weitere Spender ermöglichten, sind ganz individuell gepackt worden.
Eltvilles Bürgermeister Patrick Kunkel und Stadtrat Hubert Rahn haben die Verteilung der Tüten zum Anlass genommen, den Spendern und den rund 30 Helfern des Eltviller Tischs für ihre Arbeit zu danken. Für Rahn ist der Tisch ein Beweis dafür, dass die Gesellschaft funktioniert und bei Not geholfen wird.
Weitere Informationen über den Eltviller Tisch gibt es unter (06123) 697445.
Weitere Informationen zu Hattenheim finden Sie unter: http://www.hattenheim.de