Bericht - Herr der Glücksbringer


Morgens lässt er die Männchen raus, abends die Weibchen, und wenn ihre Routen sie auch mitunter bis nach Nierstein, Eltville und über die Rebhänge des Rheingau führen, so kehren Kurt Stanges schneeweiße Brieftauben doch immer wieder brav in den heimischen Schlag zurück. Brieftauben, mit deren Zucht sich der Bauschheimer Taubenzüchter seit mehr als dreißig Jahren befasst, verfügen über exakt funktionierende Navigationsmechanismen und eine innere Uhr, die ihr Heimkehrverhalten steuern, so dass sie freigelassen auch in dreihundert Kilometern Entfernung stets zielgerichtet wieder nach Hause zurückkehren. Stange kann darum sicher sein, dass nach spätestens einer Stunde seine dreißig weißen „Hochzeitstauben“ wieder vollzählig in den Hof einfliegen, zumal er sie mit Haselnüssen anlockt. Tauben fliegen schnell. Mit 80 bis 100 Stundenkilometern nimmt es jede Taube sogar mit dem flinken Wanderfalken auf. Nur Mauersegler und Fregattvögel mit sind mit Tempo 150 wesentlich schneller. Tauben sind Fluchtvögel und zählen zu den ältesten Haustieren des Menschen. Dank der Zuchterfolge kommen sie heutzutage in unzähligen Rassen und Untergruppierungen vor, darunter als Fleischtaube, wie in Frankreich, die auf dem Speisezettel landet, oder als Rollerrasse, Purzler und Flugakrobaten, die in der Luft Salti schlagen und andere Kunststücke vollführen. Es gibt Hochflieger und Dauerflieger, Farbtauben, Flugsporttauben und allein siebzig Kröpferrassen, die beim Imponiergehabe den Kropf als Nahrungsspeicher kugelförmig aufblasen können. Kurt Stange betreibt Taubenzucht aus Familientradition. Seine Tiere beschafft er meist aus Holland und kauft seit zehn Jahren ausschließlich schneeweiße Rassebrieftauben mit Stammbaum. Wenn er sie zu Hochzeiten ausleiht oder, wie regelmäßig bei der Eröffnung der Bauschheimer Kerb und anderen Festen als Friedenstauben aufsteigen lässt, kostet das zwar eine kleine Gebühr, „aber reich wird man davon nicht“. Stange macht mit seinem Hobby kein Geschäft, muss aber oft um den aus Weide geflochtenen Spezial-Deckelkorb bangen, für den es heute kaum mehr Ersatz gibt. Deshalb nimmt Stange ein Korb-Pfand und gibt den Entleihern den Tip, für schöne Erinnerungsfotos etwa bei einer Hochzeit, den Korbdeckel möglichst langsam zu öffnen. Stanges weiße Tauben sind als Glücksbringer und Friedenssymbole begehrt und haben den früher oft üblichen Kanonendonner abgelöst. Im Schlag achten Tauben auf Distanz: Jedes Tier beansprucht eine Einzelbox. Das Futter – Trockenfutter wie Körner und Schrot und Saftfutter wie Kartoffeln oder Möhren – muss viel Eiweiß, Kohlenhydrate und Vitamine enthalten. Stange betreibt zwar nach offizieller Lesart „Taubensport“, aber er macht keine Flugwettbewerbe wie seine Züchterkollegen im Ruhrgebiet mit, wo auf das „Rennpferd des kleinen Mannes“ gewettet wird und Hochflieger wie der „Danziger“ Rekordhöhen von bis zu tausend Metern erreichen und Marathonflieger wie der „Tippler“ mehr als zwanzig Stunden unterwegs sein können. Ausstellung Am morgigen Sonntag (25.) von 9 bis 17 Uhr lädt der Kleintierzuchtverein alle Interessierten zu einer Ausstellung im Bürgerhaus Bauschheim ein.

Weitere Informationen zu Hattenheim finden Sie unter: http://www.hattenheim.de