Auswanderung ist nicht nur ein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Bereits 200 Jahre zuvor hofften Deutsche, im Ausland eine bessere Zukunft vorzufinden. Auch aus Oestrich-Winkel ließen sich zwischen 1837 und 1872 insgesamt 358 Personen, darunter 135 Hallgartener, auf das Abenteuer ein und verließen ihre Heimat.
Ausweg aus der Armut
Von ihren interessanten, teilweise aber auch tragischen Schicksalen berichtete Josef Roßkopf, Historiker und Vorsitzender des Vereins \"Weindorf Hallgarten\", im Rahmen der Vortragsreihe \"Hallgarten im Wandel der Zeit\". Gründe für den Aufbruch gab es zur damaligen Zeit zur Genüge. Nach Ende des Napoleonischen Krieges im Jahre 1815 litten viele Deutsche unter Missernten und einem daraus resultierenden Anstieg der Lebensmittelpreise. Nutz- und Schlachttiere verendeten und die missliche Lage wurde durch ein gleichzeitig einsetzendes Bevölkerungswachstum noch verschlimmert. Die Reise ins Ausland erschien vielen als der einzige Ausweg aus der Armut.
Triebfeder \"Texas Verein\"
In Hallgarten setzte die Auswanderungswelle 1844 mit dem Aufbruch nach Texas ein. Eine in Biebrich vom Herzog von Nassau gegründete Gesellschaft, der sogenannte \"Texas Verein\", kaufte in Amerika Ländereien auf, um dort mittellosen Deutschen Siedlungsland zu erschließen. 28 Hallgartener und 35 Oestricher wagten den Sprung über den großen Teich und waren somit ein kleiner Teil der insgesamt 5500 deutschen Auswanderer, die sich in den Jahren von 1844 bis 1846 auf 40 Schiffen nach Texas aufmachten.
Doch die rund 40 Tage währende Seereise war beschwerlich und forderte nicht selten auch Menschenleben. Stürme versetzten die Auswanderer in Angst und Schrecken, Verpflegung und Hygiene waren miserabel und Moskitos ständige, unliebsame Begleiter. Nicht wenige Deutsche starben, noch bevor sie ihr Ziel erreicht hatten, an Cholera oder Gelbfieber. Ebenso erging es vielen der 213 Einwohner des Stadtgebietes Oestrich-Winkel, die in den Jahren von 1837 bis 1871 nach Australien aufbrachen.
Das Angebot zweier englischer Weinfachleute, auf einem in Australien gelegenen Weingut Riesling anzubauen, lockte die ersten zwei Winzerfamilien aus Hattenheim und Hallgarten auf den fremden Kontinent. Zahlreiche Rheingauer taten es ihnen in den folgenden drei Jahrzehnten gleich. Ein weiteres Ziel der deutschen Auswanderer war Nordamerika. In Städten wie Milwaukee, Detroit oder Chicago ließen sie sich nieder.
So interessant und wagemutig sich die Abenteuerlust der Rheingauer anhört, so sehr war sie auch mit Schwierigkeiten verbunden. Viele Opfer mussten gebracht werden bei dem Aufbruch in eine ungewisse Zukunft. Jungen Männern, die in Deutschland noch der Wehrpflicht unterlagen, wurde die Ausreise verweigert. Einige fanden einen Ausweg darin, einen fremden Namen anzunehmen, um sich auf diese Weise die Ausreise zu erschleichen - wie beispielsweise Johann Baptist Kneipp. Dies bedeutete jedoch die Aberkennung des Bürgerrechts und eine Rückkehr nach Deutschland wurde somit unmöglich gemacht. So zahlreich die Erfolgsgeschichten einer gelungenen Auswanderung auch sind, so zahlreich sind auch die tragischen Geschichten mutiger Rheingauer, die auf dem Weg in eine bessere Zukunft ihr Leben verloren. Mit großen Erwartungen waren sie aufgebrochen und viele haben ihre Heimat nie wieder gesehen
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