Die Burg Hohenstein sei \"perspektivisch über Eck\" fotografiert worden, was einen hohen künstlerischen Anspruch erkennen lasse, erklärte Professor Dr. Gerd Weiß. Der Präsident des Hessischen Landesamtes für Denkmalpflege war nach Bad Schwalbach gekommen, um die Ausstellung \"Hessens Glanz und Preußens Kamera\" zu eröffnen, die sein Haus konzipiert hat.
Auch wenn die Burg ihre eigene Ästhetik auf dem 100 Jahre alten Bild besitzt, so wurde sie seinerzeit nicht zum Pläsier porträtiert. \"Photogrammetrie\" nennt sich das Verfahren, das den zwischen 1883 und 1911 entstandenen Abbildungen auf den rund 50 Tafeln zu Grunde liegt. Die Methode diente dazu, Bauwerke mit geringem Aufwand zu vermessen.
Entwickelt hat sie der 1831 geborene Albrecht Meydenbauer. Als junger Mann sollte er Messungen im Wetzlarer Dom vornehmen und wäre dabei beinahe zu Tode gestürzt. Weiß attestierte ihm ein \"gesundes Bequemlichkeitsdenken\" und so ersann der Baufachmann die Photogrammetrie, bei der mehrere Messpunkte und Kenntnisse der Trigonometrie ein Aufmaß ergeben. Meydenbauer ist seine Erfindung gut bekommen. Zwei Porträts im Museum zeigen ihn mit Bart und Frack in jüngeren und reiferen Jahren. Auf dem zweiten Bild hat er sichtlich an Leibesfülle und Orden zugelegt. Riskante Klettereien blieben ihm dank der Photogrammetrie künftig erspart und so erreichte er noch das stattliche Lebensalter von 87 Jahren.
1885 erhielt er den Auftrag, die \"Königlich preußische Messbildanstalt\" zu gründen. Mit \"Preußens Kamera\" näherten sich Meydenbauer und seine Mitarbeiter dann auch \"Hessens Glanz\", also den Baudenkmälern aus Mittelalter und Antike. Die Burg Hohenstein ist das einzige Objekt aus dem Untertaunus, dem sie sich widmeten. Bad Schwalbach war den Leuten von der Messbildanstalt keine Reise wert.
\"Sie befinden sich aber in guter Gesellschaft\", tröstete Weiß, denn selbst in Wiesbaden gab es aus damaliger Sicht nichts zu fotografieren. Die gerühmten Bauten des Klassizismus erschienen den Zeitgenossen schlichtweg noch zu jung, um sie als Denkmal zu erfassen, sagte der Professor. Die Dome von Limburg, Wetzlar und Fulda, die Elisabethkirche in Marburg, der Frankfurter Römer oder die Saalburg sind stattdessen in der Ausstellung vertreten.
Der Rheingau taucht häufig mit Motiven auf. Die Basilika von Mittelheim, das Lorcher Hilchenhaus, Kloster Eberbach und ein Blick ins Sterngewölbe der Kiedricher Valentinuskirche breiten sich vor dem Betrachter in schwarz-weiß aus. 40 mal 40 Zentimeter beträgt in der Regel das Format der Fotos. Das entspricht exakt den Dimensionen der Negative, die aus jeweils ein Kilogramm schweren Glasplatten bestehen. Was unhandlich erscheint, leistete nach dem zweiten Weltkrieg gute Dienste: Wie Weiß und Museumsleiterin Martina Bleymehl-Eiler berichteten, dienten Meydenbauers Bilder dazu, das Aussehen zerbombter Städte und Bauten zu rekonstruieren.
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