Bericht - Nachbarn warfen die Scheiben ein


Der Jahrestag der Pogromnacht am 9. November 1938 gibt Anlass zur Erinnerung an das Schicksal der jüdischen Familie Mannheimer aus Eltville und an Hilde Goldberg, die Anfang dieses Jahres verstorben ist. Als einzige Tochter des Metzgermeisters Alfons Mannheimer wird Hilde 1920 geboren, in der Löhergasse 22, wo schon ihr Großvater Leopold Mannheimer eine Metzgerei betrieb. In der Beschaulichkeit der Kleinstadt wächst sie auf, zusammen mit sieben Brüdern. Das Geschäft des Vaters geht gut, die Mannheimers sind angesehene Leute in Eltville. Ein erster Schatten fällt auf Hildes Kindheit, als 1929 ihre Mutter Bertha stirbt. Alfons Mannheimer heiratet wieder, seine zweite Frau Thekla ist den acht Kindern eine liebevolle, fürsorgliche Mutter. Dann, am 30. Januar 1933, kommen die Nazis an die Macht - noch in derselben Nacht werfen Nachbarn den Mannheimers die Fensterscheiben ein. Auf Schikanen folgt der Boykott: Nach wirtschaftlichen Schwierigkeiten muss die Metzgerei noch im Frühjahr 1933 aufgegeben werden, das Haus in der Löhergasse wird \"wegen 500 Mark Steuerschulden\" zwangsversteigert und die Familie zieht, um überleben zu können, nach Wiesbaden. In der dortigen Friedrichstaße 57 eröffnet Alfons Mannheimer wieder eine Metzgerei. Später betreibt er mit seiner Frau in der Schwalbacher Straße 47 einen koscheren Mittagstisch und verköstigt jüdische Gäste. Alfred Mannheimer, der älteste der sieben Brüder, ist ebenfalls Metzger und arbeitet im elterlichen Betrieb. 1935 ergingen die \"Nürnberger Gesetze\", die Juden werden wirtschaftlich in den Ruin getrieben, es kommt vermehrt zu Übergriffen, die am 9. November 1938 in der \"Reichskristallnacht\" einen traurigen Höhepunkt finden. Die Lage wird immer prekärer für die Familie. Das Geschäft, mit dem man sich über Wasser halten konnte, muss Ende 1938 schließen, Alfons Mannheimer wird zur Zwangsarbeit im Straßenbau verpflichtet. Drei der sieben Brüder können auswandern: Kurt und Ernst, beide Anfang zwanzig, in die USA, der fünfzehnjährige Fritz nach Palästina, wo er heute noch im Kibuzz lebt. Walter, ein Jahr älter als Hilde, zieht im Frühjahr 1939 nach Aachen. Otto kehrt 1940 nach einer landwirtschaftlichen Lehre zur Familie nach Wiesbaden zurück, der jüngste Bruder Günter besucht noch bis 1941 das Philanthropin in Frankfurt. Hilde Mannheimer findet nach der Schule kurze Zeit eine Anstellung im Haus des Frankfurter Bankiers Friedrich Kahn, kommt dann aber bald nach Berlin. Von dort bemüht sie sich vergeblich um ein Ausreisevisum für Südamerika, aber am 31. Dezember 1937 kann sie auf legalem Weg nach Belgien auswandern. Einer Einladung zur Bar Mitzva ihres Bruders Günter mochte sie nicht folgen - darin war sie wohl gut beraten. Mit Unterstützung von Untergrundorganisationen gelingt es ihr, sich bis zum Kriegsende in Belgien versteckt zu halten. Dort erhält sie auch Anfang Juni 1942 von ihrem Vater aus Wiesbaden die Nachricht, dass man noch einmal \"umziehen\" müsse. Es ist das Letzte, was sie von ihrer Familie hört. Alfons Mannheimer, seine Frau Thekla, ihr ältester Sohn Alfred mit seiner Frau Mathilde sowie die beiden jüngsten Söhne Otto und Günter wurden verhaftet und deportiert. Am frühen Morgen des 11. Juni 1942 ging der 6. Frankfurter Transport ab Ostbahnhof nach Lublin. Aus diesem Transport sind keine Überlebenden bekannt. Walter, 1939 nach Aachen umgezogen, wurde 1943 ebenfalls deportiert und ist in Auschwitz verschollen. Hilde Mannheimer überlebte in Belgien. Nach dem Krieg heiratete sie Arie Goldberg und nahm die belgische Staatsbürgerschaft an. Nach dem Tod ihres Mannes 1983 lebte sie in Brüssel und Paris, zuletzt in Israel. Seit 1958 kam sie immer wieder in ihre Heimat zurück, um in Eltville das Grab ihrer Mutter zu besuchen und alte Freunde wiederzusehen. Ihre letzten Jahre verbrachte sie in geistiger Frische. Am 1. Januar 2007 verstarb sie im 87. Lebensjahr in Kfar Saba.

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