Die junge Mutter beißt auf dem Sekt- und Biedermeierfest herzhaft in eine Bratwurst, als das Töchterchen aufgeregt an ihrer Bluse zupft. "Mama guck, eine Prinzessin!", ruft die Kleine und deutet in meine Richtung.
Die irrige Annahme, dass blaues Blut durch meine Adern rinnt, teilt das Mädchen mit anderen Kindern, die mich im wogenden Gewand entdecken. Viele Erwachsene sind indes überzeugt, ich sei die Weinkönigin. Dabei ziert mein Haar keine Krone, sondern ein Blumenkranz, und in der Hand trage ich kein Glas, sondern einen Sonnenschirm. "Eine Stadtelfe", entfährt es einem Mann bei meinem Anblick. Ein anderer ist sich sicher: "Das ist die gute Fee von Eltville!"
Doch das ist ebenfalls falsch. Richtig liegt dagegen eine Gruppe, die am Stand von Schloss Vaux genussvoll ihren Sekt schlürft. Sie enttarnt mich auf Anhieb als Biedermeierdame, ebenso wie ein Pärchen, das einige Meter weiter mit Appetit Pizza verspeist.
Bin ich erst einmal korrekt erkannt, zeigen die zahlreichen Besucher am Rheinufer neben Sekt- auch erstaunlichen Wissensdurst. "Wann war denn die Biedermeierzeit?", lautet die am häufigsten gestellte Frage. Da erweist sich die Recherche im Vorfeld (1815 bis 1848) als sehr nützlich.
Die Aufgabe, die Erinnerung an diese Epoche wach zu halten, hat in Eltville der Biedermeierverein übernommen. "Seit der Gründung 1995 machen wir beim Sekt- und Biedermeierfest mit", erklärt Vorsitzende Gabriele Linz. Im Schnitt ist der Verein dort mit 20 Mitgliedern und Freunden präsent, um die Mode der damaligen Zeit zu präsentieren.
Wer Lust hat, ebenfalls in Gehrock und Zylinder oder im Kleid und Schute (der haubenähnliche Hut der Biedermeierzeit) über das Festgelände zu flanieren, ist willkommen. Interessenten müssen nicht gleich zur Nähmaschine greifen oder für viel Geld etwas anfertigen lassen. Sie können sich zunächst aus dem großen Kleiderfundus des Vereins bedienen, den auch ich nutzen durfte. So hat jeder die Chance, zu testen, ob es ihm Freude macht, in Biedermeiermode durch Eltville zu schreiten.
"In diesen Kleidern geht jeder langsamer und aufrechter", weiß Linz. Auch ich ertappe mich dabei, die Gangart zu ändern. Immer wieder registriere ich überrascht, dass entgegenkommende Festbesucher respektvoll vor mir weichen. Noch spannender finde ich, wie viele Männer plötzlich vor Charme sprühen. Keine Frage, so viele Komplimente habe ich schon lange nicht mehr bekommen. Ein leicht angetrunkener Herr macht mir sogar einen Heiratsantrag. Auch diese Szene ist mit Sicherheit auf irgendeinem Foto verewigt. Denn wer sich im Biedermeierkleid durch Eltville bewegt, wird zum beliebten Fotomotiv.
Bei der Festeröffnung wissen viele Fotografen allerdings gar nicht, was sie zuerst ablichten sollen: die Rheingauer Weinmajestäten mit der Eltviller Weinkönigin Anna-Maria und ihrer Prinzessin Madeleine oder die Biedermeierdamen. Dass beide auf dem Fest vertreten sind, begrüßt Eltvilles Bürgermeister Patrick Kunkel ausdrücklich: "Ich lege großen Wert darauf, dass dies ein Sekt- und Biedermeierfest ist." In Zukunft möchte der Rathauschef den Biedermeierverein, der "dem Fest einen besonderen Glanz verleiht", sogar stärker einbinden.
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