Bei profaneren Sinfonien lässt sich ja manchmal, wenn das Publikum die Interpreten gar nicht mehr gehen lassen will, ein Sätzchen als Zugabe wiederholen oder ein Ungarischer Tanz nachreichen. Bei Gustav Mahlers Dritter mit ihrem kosmogonisch-kosmologisch-gigantomanischen Anspruch ist das leider ganz und gar undenkbar: Die Stufen-Dramaturgie führt vom dionysischen Treiben des kolossalen Kopfsatzes zur Apotheose der Liebe im Finale. Da lässt sich nach rund 100 Minuten üppigster Sinfonik beim besten Willen nichts mehr draufpacken. Dem Publikum bleibt nur der hartnäckige Applaus ohne Hoffnung auf Nachschlag.
Aber die Dauer der "Standing Ovations" verhält sich beim Eröffnungskonzert des 20. Rheingau Musik Festivals durchaus proportional zu Mahlers sinfonischem Längen-Rekord. So anhaltend begeistert hat man das Publikum in der Basilika von Kloster Eberbach selten erlebt. Und in der Tat dürfte sich die Medienpartnerschaft mit dem Hessischen Rundfunk, die dem Festival in der Amtszeit des hr-Chefdirigenten Hugh Wolff (1997-2006) so viele interessante Programme beschert hat, nun auch unter seinem Nachfolger Paavo Järvi zu einer erfreulichen Beziehung entwickeln.
Järvi ist ein Mann der scharfen Konturen, der diese auch in der problematischen Akustik der Basilika mit schneidigem Einsatz durchsetzen kann. Überhaupt ist dieser Sakralraum kein schlechter Rahmen für das die Konzertsaal-Konventionen eigentlich sprengende, die "himmlischen Freuden" zitierende Riesenwerk - der Nachhall bekommt da eine ganz eigene metaphysische Note. Järvi ist freilich kein Schwärmer, der mystischer Entrückung verfällt. Er schreitet straff durch die Partitur, im Kopfsatz den düster pochenden Marschrhythmus betonend. Aus der Gelassenheit des Souveräns, der mit beiden Beinen elastisch am Podium angewurzelt ist, bricht er aber auch immer wieder aus, sorgt für orchestrale Eruptionen und stampft auch schon mal auf, als sei er auf dem Tanzboden. Die Dramaturgie der Steigerung mit ihren Kulminationspunkten ist gut kalkuliert, und manche Details der Partitur, in der Mahler seine Vorstellungen präzise notiert hat, werden in seltener Klarheit ausgeführt. Das "Hinaufziehen" der Oboe etwa, das im 4. Satz "wie ein Naturlaut" klingen soll, erfolgt in drastischer Deutlichkeit.
Traumhaft schön gelingt der Mezzosopranistin Waltraud Meier hier das Misterioso von Zarathustras Mitternachtslied: edler Ausdruck stiller Größe im verhaltenen Espressivo. Im 5. Satz tragen auch die Damen des MDR-Rundfunkchors und die Limburger Domsingknaben mit glockigem Bimmbamm zum großen Erfolg des Abends bei.
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