Bericht - Halt geben und loslassen können


"Es ist ganz gut, wie es ist. Ich fühle mich gut aufgehoben", sagt Alfred Thomas (48). Er ist einer von zwei Bewohnern, die seit dem Bezug der beiden Wohnungen mit jeweils vier Einzelzimmern, gemeinsamen Wohn-/Esszimmern, Bad und Küche noch dort wohnen. "Die Woche über arbeiten wir", erzählt er, während zur Feier des zehnjährigen Bestehens des Hauses Josef, errichtet von der Stiftung St. Valentinushaus an der Scharfensteiner Straße, Leckeres vom Grill in die Nase zieht. "Nach dem Frühstück fährt ein Teil von uns zur Tagesstätte nach Eltville, andere wie ich fahren in die Reha-Werkstatt nach Wiesbaden. Ich bin mit dem Verpacken von Teilen beschäftigt, die Firmen bei uns in Auftrag geben." Berufliche Eingliederung, soweit das möglich ist, nennt das in seiner Festrede Guido Frahry, Heimbereichsleiter der Einrichtungen der Behindertenhilfe Scivias Caritas gGmbH. "Am Wochenende wird selbstständig gekocht", erzählt Alfred Thomas. "Jeder ist nach Plan dran, gemeinsam wird der Einkaufszettel geschrieben und dann losgezogen." Das gehört genauso zur sozialen Eingliederung, wie Besuche von "Burg Scharfenstein", der "Krone" oder einer Pizzeria. Für Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit stehen lebenspraktische Fähigkeiten wie Körper-, Zimmer- und Wäschepflege, aber auch, Interessen zu pflegen. "Ab und an besuche ich meine Eltern in Hofheim", sagt Thomas, "außerdem bin ich Fußball-Fan von Eintracht Frankfurt. Da fahre ich ins Stadion." Ob er schon mal an betreutes Wohnen in einer eigenen Wohnung gedacht hat, wie es in einem Fall in Eltville praktiziert wird und dessen Erweiterung beantragt ist? "Noch nicht", lautet die Antwort. "Dem fühle ich mich noch nicht gewachsen." Als "Halt geben und auch loslassen können" bezeichnet Heimbereichsleiter Frahry das Konzept, das behutsam angewandt wird, weil nur in kleinen Schritten Anpassung an veränderte Lebensumstände gelingen kann - wenn sie denn gelingt. So wird denn ausdrücklich die Chance eingeräumt, zurück kommen zu können. Beruhigend, wenn auch praktisch kaum genutzt. Konsequent umgesetzt hingegen sei die Erkenntnis, dass statt langfristiger Unterbringung in wohnortfernen Landeskrankenhäusern ein Netz gemeindenaher Versorgungsangebote angebracht sei: "Um psychisch kranken Menschen die Teilhabe an der Gemeinschaft zu ermöglichen, ihren Bedürfnissen Rechnung zu tragen und ihre Ausgrenzung zu verhindern." Die Stiftung St. Valentinushaus, später Scivias Caritas gGmbH, hatte 1989 das Wohnheim Haus Maria mit 20 Plätzen eröffnet: für Menschen, die zwar keiner psychiatrischen Pflege mehr bedürfen, aber auch noch nicht in der Lage sind, selbstständig in einer eigenen Wohnung oder einer betreuten Wohngemeinschaft zu leben. Nach der Außenwohngruppe Haus Josef 1997 wurde mit der Eröffnung des Außenappartements 2002 in den Räumen des ehemaligen Pfortenhauses die Dezentralisierung des Lebens im Wohnheim fortgeführt. Der Weg von der Abschottung im Heim zum Wohnverbundsystem mit gesellschaftlicher Öffnung ist ein Weg, der auch in Kiedrich weiter beschritten werden soll. Darüber freuten sich bei der Feier gestern die Mitglieder der Wohngruppe ebenso wie ihre Angehörigen und Gäste. Dass die Scivitas-Betreuten von den Kiedricher Bürgern voll akzeptiert würden, hob Bürgermeister Winfried Steinmacher hervor. Von einem Platz, an dem mit Leib und Seele einer für den anderen da ist, sprach Pfarrer Markus Raile in Anlehnung an eine Stelle im Lukas-Evangelium: "Auf dass wir das Wesentliche im Alltag nicht verlieren."

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