Bericht - Fatboy durch den Rheingau


Behutsames Fahren in einer Kolonne - macht das Spaß? Ist das Eingekeiltsein von rund 4000 Motorrädern der Inbegriff von Freiheit und Abenteuer? Hermann Alter schaut die Berichterstatterin an, als käme sie von einem anderen Stern. Für den Mann aus der Nähe von Nürnberg, dem man allein wegen seiner schwergewichtigen Statur am besten respektvoll begegnet, ist die Teilnahme an der Parade der Magic Bike Rüdesheim "natürlich eine Selbstverständlichkeit". Mit einem leicht rügenden Blick spricht Alter, der immerhin als Chef der "Barock-Biker" das Sagen über die "Musketiere" aus dem fränkischen Katzwang hat, vom "zusammenschweißenden Gemeinschaftserlebnis". Wie zum Beweis zeigt der Boss mit vollem Bart und langen Haaren auf seinen schwarzen Umhang, den ein knallrotes Emblem schmückt. Zwei kräftige Hände, umschlossen von einem zündelnden Feuerkreis, vereinen sich zum Gruß. "In Freundschaft, mit und unter der Sonne verbunden" lautet die Maxime der Barock-Biker, die ein wenig an Pfadfinder-Mentalität gepaart mit Wild-West-Romantik erinnert. Die "Sonne putzen" wollen auch Alters Freunde aus Rostock sowie Ines und Werner, die Schulzes aus Berlin. Oder die vier Jungs aus Baden-Baden, von denen drei "zum ersten und nicht zum letzten Mal" die Magic Bike Rüdesheim besuchen. Das viertägige Spektakel, beeindruckend professionell und dazu ehrenamtlich von dem achtköpfigen Team des Vereins "Buddies & Bikes" mit dem Vorsitzenden Bernhard Jung organisiert, ist für viele Motorradfreunde der "kleine Urlaub zwischendurch", ein "super Anlass, Bekannte aus anderen Ecken Deutschlands wiederzutreffen", ein Zwischenstopp für Reisende aus England, Prag und Skandinavien. Unisono schwärmen sie vom hochgezogenen Chopper oder vom flachen Trackbike, vom schönen Rhein, der tollen Kulisse "und das Hotel stimmt auch", heißt es. Begeistert und teils von der langen Nacht gezeichnet sind sie auch vom Programm: die geführten Ausfahrten, die Stimmung bei den Konzerten mit "The Boss Hoss" und der "Spider Murphy Gang". Dies sei eben kein Treffen auf einem Kartoffelacker, wie Hermann Alter lakonisch meint. Samstagmittag, 12 Uhr an der Rheinallee in Assmannshausen: Die Biker formieren sich zum Korso. Nicht nur Musketiere, sondern auch Fahrer in Ritterkluft oder in einer gewöhnungsbedürftigen Lederkombination mit Skelett-Design. Einige Fahrerinnen, auch in der Motorrad-Szene in erschreckender Minderheit vertreten, trumpfen auf mit perfektem Make-up und durchgestyltem Outfit. Sexy eben. Klar wird: Die Parade ist nicht nur eine beeindruckende Schau von blitzendem Chrom und Stahl und außergewöhnlichen Umbauten. Der Konvoi, der sich in einer riesigen Schlange von Assmannshausen unter anderem durch die Weinberge vorbei am Kloster Eberbach nach Eltville bewegt, ist nichts anderes als ein rollender Catwalk mit blubbernden-satten Motorengeräuschen. Zurückhaltung in Sachen Garderobe übt dagegen die vom Motorradfahren infizierte Politiker-Riege. Der Erste Kreisbeigeordnete Karl Ottes rollt mit seinem ("Der letzte Versuch") lila-lackierten Modell an. Landrat Burkhard Albers lässt sogar seine heiß geliebte BMW in der Garage stehen und startet mit einer geliehenen Harley. Hessens Finanzminister Karlheinz Weimar, Schirmherr der Veranstaltung, ist mit von der Partie, ebenso der Staatsminister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Volker Hoff. Die Politiker scheinen froh zu sein, Schreibtisch und Sitzungssaal gegen das Bike auszutauschen. Die Berichterstatterin auch. Unterwegs bin ich mit "Fatboy", einem 360 Kilo schweren Harley-Koloss mit 68 PS, den der Rüdesheimer Paul Dries unter Kontrolle hat. Als Sozia genieße ich den Fahrtwind, das komfortable Kutschiertwerden, winke den vielen Passanten, die in Geisenheim, Oestrich-Winkel und Eltville den Straßenrand säumen, beschwingt zu. Cruisen nennen Harley-Fahrer das im Unterschied zu zweirädrigen Rennmaschinen eher bedächtige Gleiten. Von wegen nerviges Kolonnefahren. On tour mit Paul wird der vielbeschworene Harley-Mythos spürbar.

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