Der Countdown läuft. Wenn in acht Tagen sämtliche Narren ausschwärmen, um ihre heiß geliebte fünfte Jahreszeit zu feiern, sind Lisa Fischer (19) und Philipp Wölfel (20) aus Rauenthal mittendrin: Zum fünften Mal fahren sie mit einem eigenen Motiv-Wagen bei drei Rheingauer Umzügen mit - erst in Hattenheim, dann in Oberwalluf und in Kiedrich.
Das klingt nach Party pur, ist aber auch jede Menge Arbeit. Seit Mitte Dezember bauen jedes Wochenende fünf Leute an dem guten Stück, auf dem von Fastnachtssamstag bis Rosenmontag insgesamt 32 Jecken mitfahren und kräftig feiern werden. Damit die mobile Karnevalsparty steigen kann, hat jeder 50 Euro für Materialkosten beigesteuert. "Bisher ist unser Wagen noch ein weißer viereckiger Kasten mit einer weißen Fahne drauf", lacht Lisa. Werden soll es einmal eine mexikanische Strandbar. Auch wenn die Zeit langsam ein bisschen drängt - für Lisa und Philipp kein Grund zur Panik: Eng wird´s nämlich jedes Jahr und manchmal wurden die letzten Nägel erst eine halbe Stunde vor Zugbeginn in die Fassade gehämmert. Ein bisschen Nervenkitzel gehört eben dazu, genauso wie der riesige Stolz über das Ergebnis.
Unbeschreiblich ist auch das Gefühl, wenn sich der Trupp in Rauenthal versammelt und in Richtung Zug ausrückt: "Wenn die Musik aus den Lautsprechern dröhnt und die Rauenthaler uns aus den Fenstern zuwinken, ist das einfach der Wahnsinn", schwärmt Lisa. Und für den Gaudi während des Umzugs fehlen ohnehin die Worte - auch wenn man nach drei Tagen Zug "ganz schön platt" ist. "Passiert ist bei uns noch nie etwas", betont Lisa. Zumindest nichts, wobei Personen zu Schaden gekommen wären: "Letztes Jahr sind wir mit unserem Wagen in einer engen Gasse in Hattenheim stecken geblieben", grinst sie. Das Motto hieß Orient und die kunstvollen Türme mit goldener Zwiebelkuppel vertrugen sich nicht mit einem hervorstehenden Erker. Eine halbe Stunde hat die Befreiungsaktion gedauert, danach hatte die Kuppel ein großes Loch.
Doch wenn Gott Jokus ruft, klettert Philipp nicht nur auf den Fastnachtswagen, nein, seit 2004 steigt er auch in die Bütt. Nach Auftritten als Blumenmann, Weinkönigin-Anwärter und Flamenco-König ist er gemeinsam mit seiner närrischen Kollegin Anja Peklow in diesem Jahr als Stewardess unterwegs. "Kaffee oder Tee?", flötet er zuckersüß mit blonder Perücke hinter seinem Lufthansa-Wägelchen und brachte mit überlebenswichtigen Tipps zur Sicherheit an Bord bereits das Sitzungspublikum seines Heimatorts zum Toben. Am kommenden Samstag hat er an einem Abend sogar gleich drei Auftritte.
Ihre Texte schreiben die beiden Vollblut-Fassenachter immer selbst - auch wenn es auf der Bühne nie bei der Originalversion bleibt: "Man muss mit dem Publikum spielen und improvisieren können", erklärt Philipp. "Und ein bisschen Mut zur Blödheit braucht man auch." Dann klappt´s auch mit der Stimmung. Lampenfieber? Das ist ihm (inzwischen) fremd: "Irgendwie sprudelt es da oben einfach so aus mir raus." Gesprudelt hat´s auch bei der Kostümauswahl - und zwar vor Lachen, denn ein Stewardess-Outfit für einen über 1,90 Meter großen, breitschultrigen Mann muss man erst mal finden! "Ich bin in die Damenabteilung eines Kaufhauses marschiert und habe der Verkäuferin gesagt: `Ich suche einen Rock für mich´", erzählt Philipp. Der Schock saß tief, doch die Erleichterung kam, als der hünenhafte Kunde erklärte, was er mit dem Damenfummel vorhabe. "Dann hat sie mir den halben Laden angeschleppt und sich bei meiner Modenschau kaputt gelacht." Da der in Schwerstarbeit erworbene Rock jedoch ein bisschen zu kurz ist, kommt beim Auftritt einfach ein rosa Spitzenunterhöschen unter das heiße Teil. Tja, Mut zur Mode braucht´s eben auch.
Was Lisa und Philipp am Aschermittwoch machen? Ausruhen. Und ihren Wagen mit einem großen Vorschlaghammer wieder in seine Einzelteile zerlegen. Aber bis dahin ist noch jede Menge (Narren)Zeit und vorher heißt es erst einmal: Der Zug kommt!
Weitere Informationen zu Hattenheim finden Sie unter: http://www.hattenheim.de