Ja, Michael Herrmann und Claus Wisser, der Intendant und der Erste Vorsitzende des Rheingau Musik Festivals, das sie vor zwanzig Jahren gegründet haben, hatten allen Anlaß, sich auf der Pressekonferenz zur Vorstellung des neuen Programms entspannt zurückzulehnen. Abgesehen davon, daß Star Anne-Sophie Mutter erst einmal massenhaft Reporter und Fernsehteams angezogen hatte und auf Fragen gespannt war (vgl. Teil 1), läßt es sich auf derartigen Erfolgen auch gut ruhen, die allerdings – und das betonten beide – nur weitergehen, wenn man sich ganz und gar nicht ausruht, sondern das größte und erfolgreichste Festival der Bundesrepublik weiterhin mit musikalischen Leckerbissen anbietet – und die entsprechenden Sponsoren dafür gewinnt.
Das hätte noch gefehlt, daß beide Gründungsväter nun auch die Musik noch selber machen. Aber sie lassen machen, vom 23. Juni bis zum 1. September, in diesem Jahr wieder rund 150 Konzerte, die an die 120 000 Zuschauer in den Rheingau ziehen. Das nämlich ist das neben der musikalischen Qualität Herausragende im Rheingau, - der ansonsten für seinen Wein bekannt ist, nicht nur den Favoriten weißer Riesling, sondern auch den roten Assmannshäuser Höllenberg, - daß an rund vierzig Spielstätten musiziert wird: darunter als Star Kloster Eberbach, Architekturfreunden schon immer reizvoll, aber seit der Verfilmung von Ecos „Im Namen der Rose“ sozusagen weltbekannt und gesuchtes Ziel von ausländischen Touristen. Aber auch die Schlösser Johannisberg und Vollrads sind romantische Stätten, wobei es auch nicht immer Schlösser sein müssen!
Beliebt sind ebenfalls alte Weingüter, die kleinen romantischen oder gotischen Kirchen und vor allem das Kurhaus in Wiesbaden, das Alfred Brendel als den schönsten Konzertsaal unserer Republik, nein, sogar ganz Europas bezeichnet hat. Witzig war der Blick zurück, den Herrmann dem randvoll gefüllten Pressesaal gönnte. Bei der ersten Pressekonferenz vor 20 Jahren seien 2-3 Pressevertreter anwesend gewesen und 20 Aktive, die ehrenamtlich das Festival durchführten. Heute sei dieses Musikfestival die erfolgreichste Wirtschaftsförderungsmaßnahme des Rheingaukreises, ohne daß dieser auch nur einen Pfennig dafür gezahlt hätten. Einen minimalen Betrag zahlt das Land Hessen (0,4 %), finanzieller Träger sind der Verein und die vielfach gewonnenen 179 Sponsoren (45%), für die Claus Wisser verantwortlich ist, die allesamt zusammen mit den Eintrittsgeldern die nötige Summe von etwa sechs Millionen Euro aufbringen.
Zwölf angestellte Mitarbeiter hat das Unternehmen Festival heute, zahlt Gewerbesteuer und ist somit ein ordentlich geführtes mittelständisches Unternehmen. Der Verein, der als Vereinsaufgabe das Festival zu fördern hat, hat 2627 Mitglieder und über 2500 Fördermitglieder, wobei Michael Herrmann zufrieden darauf verwies, die Vereinsmitglieder würden die teuersten Konzertkarten kaufen. Günstige Karten für 10 Euro gibt es aber auch.
Das war interessant, auch mal etwas aus dem Bauch der Unternehmung Musikfestival zu hören, das ansonsten nur in den Musikkritiken der Zeitungen eine Rolle spielt.
Eine gute Rolle, denn das RMV ist nicht nur das größte, sondern inzwischen auch das renommierteste Musikfestival mit den Schwerpunkten Klassik und Jazz, wobei sich zeigt, daß Jüngere, die mit dem Jazz anfangen, dann auch klassische Konzerte besuchen. Auf den Pop wird auch weiterhin gerne verzichtet. Wichtig bleibt die Aufgabe, Jugend für die Musik, für das Musikmachen wie das originale Musikhören, zu begeistern. Anders als früher, findet der reguläre Musikunterricht in Hessens Schulen kaum mehr statt. Das von Herrmann gezeichnete desolate Bild der Musikerziehung an hessischen Schulen ist zutreffend und stellt der Kultusministerin des Landes das denkbar schlechteste Zeugnis aus. Nicht ihr alleine, sondern denen im Parlament, die keine andere Finanzverteilung und ausreichende Lehrereinstellung zuwege bringen.
Das Festival selber versucht die Vielfalt des musikalischen Angebots zu bündeln und hat zwei Themenschwerpunkte festgelegt: „Von Herrschern und Majestäten“ und „Nacht und Traum“. Zu Zeiten von Johann Sebastian Bach war es üblich, jedes frisch komponierte und gerade vorgetragene Stück für einen einzigen Anlaß aufzuführen und für Morgen ein neues Stück zu komponieren. Das alte war mit der Erklingen altmodisch geworden. Die Fürsten in den kleinen Residenzen waren es, die für immerwährende Komponieraufträge sorgten, denn die Geburtstage, die Jubiläen, die Beerdigungen der großen Familien folgten dicht aufeinander. Und die Herzöge und königlichen Hoheiten machten es genau so.
Während des Festivals erklingen Mozarts Krönungsmesse am 29. Juni, Bachs h-Moll-Messe am 6. Juli, Händels Feuerwerksmusik am 17. Juli, „Ars Britannica“ am 28. Juni, „Glanzvolles Sachsen – glorreiches Preußen“ am 6. Juli, „Schauplatz: Bei Hofe“ am 19. Juli und „God save the King“ am 30. August. Die meisten Werke waren Auftragswerke, aber einige schrieben die Komponisten auch im eigenen Auftrag, aus vollem Herzen oder mit dem Kalkül, dann schneller wieder einen gut dotierten Auftrag zu bekommen, sofern sie nicht längst Hofangestellte geworden waren. Und heute? Das fragt man sich beklommen. Wer übernimmt heute diese so wichtige gesellschaftliche Funktion von Komponieraufträgen? Städte, Institutionen, Konzerthäuser und Musikfestivals. Zu wenige auf jeden Fall.
Beim Thema „Nacht und Traum“ fallen einem sofort die entsprechenden Tönen, aber auch die entsprechenden Bilder ein. Caspar David Friedrich ist nur die Spitze des Eisbergs, der sich für Malerei der Romantik oder des Symbolismus etwa auftut. Wäre schön, mit den thematischen musikalischen Titeln - Joseph Haydns Streichquartett „Der Traum“ am 14. Juli, „La Notte“ von Franz List und „Gaspard e la nuit“ von Maurice Ravel am 7. August (Klavier: Gerhard Oppitz), Robert Schumanns Kreisleriana am 23. August (Klavier: Till Fellner), aber auch zwei musikalisch-literarische Abenden: Katja Riemann liest „Die kleine Meerjungfrau“ von Hans Christian Andersen am 31. Juli und Urs Widmer stellt in seinem „Buch der Alpträume“ die finsteren Träume, die des Nachts kommen, am 25. August vor – auch wirkliche Bilder verbinden zu können.
Wem fiele da nicht „Der Alp“ von Johann Heinrich Füssli ein, der dem schlafenden blonden Engel buchstäblich auf der Brust sitzt und die Luft abdrückt – ein Bild, das ganz nahe, nämlich im Deutschen Hochstift im Frankfurter Goethehaus hängt. Da sollten sich die Museumsleute wirklich einmal etwas einfallen lassen, wie sie ihre Kunst der Musik zugesellen könnten. Die Depots der Kunstmuseen in Frankfurt, Mainz, Wiesbaden und Darmstadt beispielsweise hängen voll von Herrscherporträts, die heute – kunsthistorisch und ästhetisch betrachtet – kaum einer mehr sehen mag, die aber als Pendants zum Themenschwerpunkt „Von Herrschern und Majestäten“ ein neues Interesse erweckten. Müßte doch für einen Macher wie Max Hollein am Städel Frankfurt ein Klacks sein. Und wenn nicht in diesem Jahr, dann im nächsten. Wo derartige Ausstellungen stattfinden könnten, kann man dann immer noch sehen.
Auch Heinz Holliger kommt nächtlich daher und ist mit dem Festival gleich doppelt verbandelt. Aufgeführt wird „Elis- drei Nachtsstücke für Klavier“ am 23. August von Till Fellner, aber ihm, dem Schweizer, ist vor allem das diesjährige Komponistenporträt gewidmet: Heinz Holliger im Gespräch, ein Porträtkonzert, am 21. Juli auf Schloß Johannisburg und im Wiesbadener Kurhaus „Gesänge der Frühe“ am 22. Juli.
Man kann unmöglich die illustren Namen der Aufführenden von rund 140 Konzerten zitieren, die man unter den Internetadressen aufrufen kann oder als Programmheft beim Veranstalter bestellen kann. Angelika Kirchschlager, Juliane Banse, Thomas Hampson für die Sänger oder Martha Argerich, Alfred Brendel, Tzimon Barto und die Paratores für Instrumentalsolisten sollen nur die Spitze des Eisbergs andeuten. Stattdessen der Hinweis auf den doppelten Auftakt: Am 23. und 24. Juni werden das hr-Sinfonieorchester unter Paarvo Järvi, dem neuen Chef, Mahlers 3. Sinfonie in d-Moll in der Basilika des Kloster Eberbach aufführen. Waltraud Meier ist die Solistin und erstmals im Rheingau dabei. Eröffnungskonzert bleibt Eröffnungskonzert, da darf man sich von den vorgezogenen Sonderkonzerten wie dem Benefizkonzert der Anne-Sophie Mutter am 12. Februar oder dem Jubiläumskonzert am 17. Mai und den nachgetragenen Gastkonzerten bis in den Dezember nicht irre machen lassen. Das Rheingau Musik Festival ist eine musikalische, keine bürokratische Veranstaltung.
Das Abschlusskonzert des Sommers wird Enoch zu Guttenberg gestalten mit Verdis „Messa da Requiem mit dem Orchester der KlangVerwaltung München. Der Hessische Rundfunk wird wie in den vergangenen Jahren die Konzerte über die European Broadcasting Union (EBU) in die Welt hinaus übertragen. Das Eröffnungskonzert wird direkt am 23. Juni um 20.05 gesendet, die Fernsehaufzeichnung am 24. Juni um 21.45 Uhr. Das sagte der Intendant des Hessischen Rundfunks Helmut Reitze zu. Die Herren Herrmann und Wisser hörten es gern.
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