Bericht - Im Weißen Kreuz


Heilige Barbara, Schutzpatronin der Köche! Die Idee, im immer noch stark von der Kirche geprägten Lorsch ein Restaurant ausgerechnet am Karfreitag zu eröffnen, muss Jan Schader und Marie Meissner in einem gottverlassenen Moment gekommen sein. Dabei war es im vergangenen Jahr höchste Zeit, ins ehemals klösterliche „Weiße Kreuz“ an der Königshalle endlich wieder vernünftige Gastronomie einziehen zu lassen. Die begleitende Werbung kündete von einem neuen Stern, der den Touristenpfad zwischen Kloster und Altem Rathaus fortan überstrahlen werde. Eine gewisse Leuchtkraft ist zumindest dem Inneren des runderneuerten, im Kern womöglich über 1000 Jahre alten Hauses eigen, das sich die Wirtsleute mit einer Eisdiele teilen: freundliche Farben, ein Schuss Eigenwilligkeit und im Detail Zeugnisse der Entschlossenheit, Geld auszugeben. Gleichfalls im Detail gibt es an den getesteten, achtbaren Gerichten im „Weißen Kreuz“ freilich einiges, was man besser machen kann. Die kleine Rinderkraftbrühe mit Markklößchen und Gemüse zu 2,80 Euro hat genügend Eierstich, schmeckt aber nach zu viel Salz; beim geschnittenen Serranoschinken, der die mit Portwein parfümierte Mischung aus Melonen und Feldsalat (6,40 Euro) abrundet, sieht es so aus aus, als sei die Schwarte nicht entfernt worden. Hinter dem Signet „Lorscher Klosterteller“ verbirgt sich die Kombination von Kalbs-, Rinder- und Schweinelendchen mit Marktgemüse (an diesem Tag hauptsächlich Rosenkohl) und Maccairekartoffeln (16,80 Euro) – im Ganzen gelungen und nur durch die Soße nivelliert. So geht es weiter: gut gemeint und ganz gut gemacht, aber nie vollendet. Eine in der Folie gegarte und servierte vorzügliche Bachforelle (13,20 Euro) sollte nicht mit seifig wirkenden Kartoffeln aufgetischt werden; ein Rippchen mit bemerkenswert leckerem Sauerkraut (7,80 Euro) wird durch Brot, das altbacken anmutet, regelrecht verunglimpft. In einem Fall ist der Beilagensalat in Ordnung, im anderen hat der Dippegucker den Eindruck, der Salat sei in Tunke ertränkt worden. Das gebeizte Wildschweingulasch mit Spätzle von der Tageskarte allerdings kommt auf den Teller, wie es sein soll: zart und mit der richtigen Temperatur; für 14,80 Euro hätte es ruhig noch etwas mehr sein dürfen. Zur Leistung der exponierten Lorscher Gaststätte gehören fraglos die Getränke: Der trockene Spätburgunder-Rosé von der Domäne Kloster Eberbach (0,2 Liter: drei Euro) ist ein ebenso ansprechender Begleiter der Speisen wie der halbtrockene Riesling vom Heppenheimer Eckweg (0,2 Liter: 2,80 Euro). Auffallend appetitlich gar ist der Apfelsaft zu 2,30 Euro der Drittelliter. Und das süffige Weltenburger Klosterbier (0,5 Liter Pils: 2,50 Euro) hat nun wirklich nicht jeder im Angebot. Es ist etwas Besonderes, so wie das Duo Schader/Meissner angetreten ist, aus einem schönen Wirtshaus etwas Besonderes zu machen und ein Stück kulinarisches Ödland in Südhessen zu bestellen. Vielleicht ist in Lorsch ja wirklich ein Stern aufgegangen. Seinen Zenit hat er längst nicht erreicht.

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