Nach alter Lesart verdient man sich zuerst seine Brötchen, dann isst man sie. Bei Ingo Swoboda verhält sich das anders. Er verdient sich mit Essen und Trinken sein Geld. Der Mann ist nämlich Journalist für die Zeitschriften "Feinschmecker" und "WeinGourmet".
Erzählt Ingo Swoboda von seinen Tätigkeiten als Journalist, als Buchautor, als Ghostwriter für Sterne-Köche und nicht zuletzt als Jury-Mitglied bei internationalen Verkostungen, klingt das nach Schlaraffenland, nach einem Höhenflug des lustvollen Lebens. Ess- und Weinkritiker - ein Traumjob? Swoboda würde das nicht so unterschreiben. Zwar bringt sein Beruf interessante Reisen mit sich. Doch führt die Jetterei auch zu einem unruhigen Leben. Ist er als Ghostwriter der Köche Dieter Müller oder Johannes King deren "Stimme", erfordern Interviews und Schreiben viel ab - vor allem große Empathie für das Gegenüber. Umso angenehmer ist es dem 45-Jährigen, mit King, Gastgeber des Sylter "Söl´ring Hofs", oder dessen Kollegen Müller vom Schlosshotel Lerbach in Bergisch-Gladbach "sympathischen Menschen" zu begegnen.
Wie Swoboda meint, können Restaurants "Gesamtkunstwerke" sein, wenn die Produkte frisch und professionell zubereitet sind, die Weinkarte "liebevoll zusammengestellt", das Personal kundenfreundlich ist. Weil Pannen menschlich und Tagesformen unterschiedlich sind, tauchen Kritiker "selbstverständlich diskret und ohne vorherige Ankündigung" öfter auf. Mitunter artet die Testerei aber in eine Qual aus. Der gebürtige Eltviller, der "besser essen als kochen kann", dafür beinahe druckreif redet, erinnert sich ungern an die Vorbereitungen für die "Feinschmecker"-Broschüre "Die besten Cafés in Deutschland". Da Swoboda in Unmengen keinen Kaffee verträgt, spielte sein übersäuerter Magen wochenlang verrückt.
Der gebürtige Eltviller zählt nicht zu den elitären Gourmets. Essen und Trinken ist für den 45-Jährigen eine Frage von Kultur, Lebensart und der Frage, "ob man lieber S-Klasse fährt oder klasse isst". Apropos Genuss mit gutem Gewissen: Swoboda wundert sich über Menschen, die sich kritisch auf Delikatessen wie Kaviar und Co. "einschießen" und kein Wort über das Vieh auf engstem Raum verlieren, das "zum Schlachten in Tagesreisen in den Osten hin und retour gekarrt wird, damit das Fleisch zu Dumpingpreisen verscherbelt werden kann".
Seit 1998 beschäftigt sich der Rheingauer, der für sein Buch "Riesling - Die ganze Vielfalt der edelsten Rebe der Welt" mit der Silber-Medaille der Gastronomischen Akademie Deutschlands ausgezeichnet und jüngst wie auch die Top-Köche Eckhard Witzigmann und Johann Lafer zum Ritter des Champagner-Ordens geschlagen wurde, intensiv mit Essen und Getränken. Damals war er als stellvertretender Chefredakteur für die Zeitschrift "Alles über Wein" in Mainz tätig. Der Wechsel zum Jahreszeiten Verlag nach Hamburg folgte zwei Jahre später.
Vor sechs Jahren konnte sich Ingo Swoboda "nicht vorstellen, den Rheingau zu verlassen". Heute schwärmt er von Paris, Wien oder Hamburg. Metropolen, die er als Redakteur der Fachzeitschrift "In Leder" kennenlernte, als er in die "glitzernde" Modewelt eintauchte. Damals entkam er dem Mief der Mainzer Hörsäle, wo er Rechts- und Staatswissenschaften studierte, und nahm die Fährte in einer verführerischen Branche auf. In Asien, Amerika oder Casablanca traf er auf Top-Models. Mit Karl Lagerfeld trank er Kaffee. Mit Louis Patrick Vuitton glitt er im riesigen Pullmann durchs nächtliche Paris. "Das war zum Teil wie Miami Vice."
Und doch zog es ihn zum Wein und nach der virulenten Leder-Zeit wieder in die Heimat, wo er als Jugendlicher nicht die weite Welt vermisste. Der Rheingauschüler ("Ich war faul, aber relativ gut") ruderte gern, spielte Fußball, war Messdiener und Pfadfinder. Oder er schnappte sich sein grünes Solo-Mofa und düste zum Staatsweingut, schrubbte gegen ein wenig Entgelt Fässer und säuberte die Tanks. Mehr Geld verdiente der junge Swoboda als Keyboarder mit der Vier-Mann Band "Black Dogs". 250 Mark gab es für einen Auftritt - für die Jungs ein Haufen Knete.
Seine behütete Jugend möchte Swoboda nicht missen. Doch die weltweiten Reisen, ob zu gigantischen chilenischen, kalifornischen und australischen Weingütern oder zur kleinen, gemütlichen rheinland-pfälzischen Straußwirtschaft, schärfen seinen Blick, nicht ohne tatenlos zuzusehen. Der 45-Jährige macht am Rüdesheimer Niederwalddenkmal, im Kloster Eberbach oder im Mainzer Dom mit seinen "Geschichte im Licht"-Veranstaltungen von sich reden. Überrascht ist er nach wie vor, wie wenig sich der Rheingau verändert hat. "Die Region ist sich genug. Das ist ihr Problem."
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