Bericht - Im Winter zwei Kutten übereinander


"Angenehm, dass es nicht so eiskalt ist wie voriges Jahr", sagt ein eingemummelter Besucher. Gut, dass das keiner der 150 Mönche mehr hören kann, die sich im Finsteren auf ihren Holzpritschen, ohne Decken, mit Stroh als Bettwäsche und unverglasten Fenstern, durch die der Wind pfiff, in den Schlaf zitterten, bis sie um ein oder zwei Uhr die Glocke vom Nachtlager trieb. Die Gruppe größerer Kinder, denen von der Eltviller Gästeführerin Astrid Henkel altersgerecht das harte Leben der Mönche im Mittelalter erklärt wird, steht gerade im Schlafsaal der Mönche. Da wehte der Schnee herein, ehe es Holzläden gab, sagt sie, und es dauerte seine Zeit, bevor ihnen erlaubt wurde, zwei Kutten übereinander zu ziehen. Davon, dass die Mönche oft krank waren und im Schnitt 28-jährig starben, erzählt Astrid Henkel, dass es im Winter nur eine Mahlzeit gab, kein Fleisch, kein Fett, gelegentlich Fisch. Einfaches, schlichtes, karges Dasein hatte Klostergründer Bernhard von Clairvaux verordnet. Romantisch ist das nicht, eher geheimnisvoll mit leichtem Gruseln, was da aus den Schatten zurückliegender Jahrhunderte im Irrlichtern der Kerzen Gestalt annimmt. Was wäre, würden die Kerzen verlöschen, verliefe man sich, stünde hilflos da ohne Taschenlampe und Handy? Doch keine Gefahr, es werden immer mehr Gruppen, die das runde Dutzend der Gästeführerinnen zu den diversen Räumen klösterlichen Lebens führt. Da wird es schon mal eng in der großen Kirche oder im Refektorium der Priestermönche, geht es eben noch ein Stück weiter den Kreuzgang entlang in den nächsten Raum oder die Treppe hoch, wird die Klostergasse überquert und eingetreten in die Parallelwelt der Laienbrüder, der Arbeiterklasse des Klosters. Was für die Mönche das Beten, ist für die Laien das Arbeiten. Als Mönche zweiter Klasse werden sie betrachtet, denen ein Vaterunser bei der Feldarbeit genügte, die sich nicht rasierten, nicht lesen und schreiben konnten, die Kleidung der Mönche auftrugen. Wie die Mönche hatten sie sich an das Schweigegebot zu halten, erzählt Gästeführerin Henkel. "Das wär´ nix für mich", kommt es aus den Reihen der gebannt lauschenden Kinder, deren Aufmerksamkeit zwischen Vortrag und Kerze hin und her geht. "Aber sie hatten eine Zeichensprache", wird erklärt. "Zeigefinger und Daumen als Dreieck zum Boden zeigend hieß Brot." Eine wichtige Vokabel, deren Deutung alle kannten. Überhaupt sind es bei der Führung für Kinder die Details, die auch für Erwachsene interessant sind, weil sie das Leben damals begreifbarer machen. Warum es für die älteren Mönche ein Vorrecht und angenehm war, im Kapitelsaal unten zu sitzen? Damit sie ihren Rücken an den Beinen der jüngeren Mönche wärmen konnten. Oder dass sie Sand- und Wasseruhren zur Zeitmessung benutzten. Nachher beim Posaunenquartett mit Michael Palm und dem Gesangsquartett der Schola St. Peter und Paul mit Angelika Muskalla war zu hören, dass jeder Ton in der Basilika ein Ohrenschmaus ist, zuvor bei der Führung zu erfahren, dass er sieben Sekunden braucht, um zu verhallen. Eine Trilogie aus der Lesung mit Mitarbeiterinnen von Mediathek und Kulturamt Eltville, aus Führung und Hörgenuss, die nachklang und es wert war, genossen zu werden.

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