Bericht - Leo Gros und der Rheingau


Wohl kaum eine Lage oder ein Jahrgang, zu dem ihm nicht wie aus der Pistole geschossen etwas einfiele. Sachlich trocken oder augenzwinkernd humorvoll - wie gewünscht. Am liebsten: Locker-heiter. Eben wie der ganze Mensch. Was Leo Gros sagt, das meint er auch so - denn: "Menschen kann man auf Dauer nicht betrügen." Und so ist es auch bei den Auftritten, von denen ihn die meisten Weinfreunde kennen - den Weinversteigerungen in Kloster Eberbach. Keine Frage - dort kann man wirklich guten Wein erstehen (und entgegen mancher Samstagsgespräch Behauptung zu durchaus fairen Preisen), doch die weitaus meisten Besucher dabei sind "Schnutetunker" und genießen ohne Kaufabsicht die Veranstaltungen mit Dutzenden Proben und riesling-geneigter Atmosphäre. Und dazu trägt nicht unerheblich der Mann mit dem Hämmerchen bei - Leo Gros. Als wäre es ein Kinderspiel, dirigiert er die Kommissionäre, streut launige Bemerkungen ein und verleiht so manchem Wein quasi spielerisch Charakter und Charme. Am Anfang BrötchenbubDabei ist es weder Zuckerschlecken noch Comedy, was da präsentiert wird, sondern eigentlich knallhartes Geschäft. Die Winzer wollen schließlich ihren Wein ordentlich verkaufen, und ihnen fühlt sich Gros verpflichtet. Das fängt schon bei der Auswahl an, die er zusammen mit einer Handvoll Winzern und Kommissionären vornimmt. Der Rheingauer Weinbauverband landete jedenfalls einen Volltreffer, als er mit Gros jemanden aussuchte, der aus dem Rheingau stammt, die Leute versteht und begeistern kann. Seine ersten Schritte bei den Eberbacher Weinversteigerungen unternahm er übrigens vor Jahr und Tag noch als "Brötchenbub." So fangen Karrieren an. "Wein zu lieben", sagt Gros, "ist nicht schwer, ihn zu verstehen und das auch zu kommunizieren, schon eher." Ihm kommt da eine Mischung zugute, die er immer weiter entwickelt: Übung der Sinne, Vergleich und Gedächtnis. Und darin ist er Meister. Dem Amateur-Weinfreund bleibt da nur ungläubiges Staunen, wenn der Experte mit lockerer Hand einen eben erst probierten Riesling zielsicher einzureihen weiß zwischen ähnlichen Vertretern aus früheren Jahrzehnten, um gleich auch noch eine treffsichere Prognose über die weitere Entwicklung hinzuzufügen. Mehr als ein Hobby Für Leo Gros muss Wein mehr sein als nur ein "Hobby". Er probiert gern - besonders gern mit seiner weinliebenden und -kundigen Ehefrau - Weine von Wicker bis Lorchhausen - und von anderswo. Anderswo heißt zum Beispiel auf Radtouren durch Weingegenden oder an Flüssen entlang, die die beiden sich so im Urlaub erschließen. Und außerdem bedient sich der eloquente Auktionator eines profanen Schatzes: Einer Karteikartensammlung mit all jenen Erkenntnissen, die er im Laufe der Jahre zusammengetragen hat. Das hilft. Dabei räumt Gros mit ehrlicher Demut ein, dass er, als man ihm die Aufgabe des Eberbacher Versteigerers in der Nachfolge von Weinbaron Eberhard von Oetinger angeboten hat, "ziemlich Schiss gehabt habe". Was nichts anderes heißt, als dass er sich bei dem, was er tut, hinter aller Lockerheit und dem "Rheingauer Schlappmaul" sehr wohl der Bedeutung und Ernsthaftigkeit bewusst ist. Nie versiegende NeugierdeNicht zu vergessen: Der Mann ist eigentlich weder gelernter Conférencier, Rezitator noch Fastnachter, sondern ein ernsthafter Naturwissenschaftler - Chemie-Professor. Wein und Chemie - wahrscheinlich kann er die (meist schlechten) Witze zu dem Thema kaum noch hören. Dabei liegt ihm sein Beruf und die Lehre als Vize-Präsident der Europa-Fachhochschule Fresenius (EFF) in Idstein nicht minder am Herzen. Mehr noch: richtig begeistert ist er von wissenschaftlichem Denken, der Arbeit mit jungen Leuten und der Hauptaufgabe rund um internationale Forschungskooperation und den Transfer der Forschung in die Praxis. Auch hier gilt: Ja nicht in den berühmten Elfenbeinturm zurückziehen, sondern nah dran sein an den Menschen. Und so kann man Professor Dr. Leo Gros bei Auftritten in Schulen und vor Jugendlichen mit dem gleichen Schwung und dem schelmischen Funkeln in den Augen entdecken wie bei weinseligen Veranstaltungen. Wie beim Wein gilt es für ihn auch bei der Lehre als hohes Vergnügen "mit anderen das zu teilen, was man liebt". "Neugierde, wie die Welt geht", das trieb und treibt ihn um. Und das hört für Leo Gros bei den Molekülen und Atomteilchen längst nicht auf. Schon in der Grundschule in Eltville ließ ihn die Heimatkunde nicht ruhen, der Vater versorgte ihn stets mit Büchern, der Großvater war großer Weinfreund und machte ihn neugierig auf "hinschmecken und hinriechen". Sowas prägt. Dazu kam mit steigender Energie - und immer wieder Neugierde - die Rheingauer Heimatkunde, auch später auf dem Rheingau-Gymnasium in Geisenheim. In Eltville schloss er sich den Stadtführern an ("Da kamen schon etliche Meter Bücher zusammen") und absolvierte auch noch ein Fernstudium der Theologie; letztlich fehlte nur noch ein Jahr für die Lehrerlaubnis. Doch all´ das, was er dabei in sich aufsog, ist auch heute noch vielfältig präsent. In Johannisberg, wo er heute noch wohnt, war es schließlich die Weinkritik, die ihn zum Festvortrag bat - der Start zu einem schier endlosen Veranstaltungsreigen, der heutzutage seinen Terminkalender füllt. Aus dem Rheingau ist er jedenfalls seit der Premiere zu "Essen und Wein" im Weingut Allendorf mit "Der alte Fritz und die Kartoffel" nur noch schwer wegzudenken. Die kulinarisch angehauchten Vorträge nehmen inzwischen merklich zu - ebenso wie die entsprechenden Abteilungen im Gros´schen Bücherregal. Wie gesagt: Neugierde. Gibt es eine neue Anfrage zu einem noch nicht dagewesenen Thema rund um Wein und Speisen, kann sich Gros da richtig reinknien und wird nicht lockerlassen, bis er alles Nötige dazu zusammengetragen und auf den Karteikarten verewigt hat. Zu Essen und Wein gibt es überschlägig inzwischen rund fünf Meter im Regal... Mit Qualität gewinnenZur aktuellen Weindiskussion rund um "Wine-Designer" und künstliche Produkte auf Übersee hat der Wein-Experte und Chemiker übrigens eine ganz einfache Lösung: Jeder soll tun und lassen was er will - es aber auf die Etiketten draufschreiben, damit der Kunde weiß, woran er ist. Der Rheingau kann und werde dann mit Qualität gewinnen. So reich der Erfahrungsschatz und so voll der Keller - einen absoluten Lieblingswein hat Leo Gros nicht: "Der ist zu jeder Situation neu. Am liebsten ist mir jeweils der Wein, den ich mit meiner Frau trinke." Und aufhören zu probieren will er auch nicht. Später, viel später darf dann mal auf dem Grabstein stehen "Er hat sein letzte Woi probiert." Doch bis dahin gibt es noch viel zu tun: Wenn er den Chemie-Professor an den Nagel hängt, kann sich Leo Gros gut vorstellen, alles was da so in seinen endlosen Karteikarten schlummert, mal richtig in Form zu bringen - auf das eine oder andere Buch wird man sich schon freuen können.

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