Bericht - Rheinhessens idyllische Wiesengründe


Am südlichen Dorfrand von Selzen Richtung Köngernheim liegt, mittlerweile umgeben von Wohnhäusern, die Selzer Mühle. Seit etwa hundert Jahren ist sie nicht mehr in Betrieb, und das Areal hat durch Abriss- und Umbaumaßnahmen sein Gesicht gründlich verändert. Die "Selzer Muhlen" bestand bereits im Jahr 1330. Dies erfahren wir von Dr. Otto Böcher, der in den 60er Jahren als Pfarrer in Selzen wirkte und sich mit der Geschichte des Dorfes befasste. Die Mühle gehörte zum Kloster Eberbach und wurde, wie eine von Böcher nicht näher bezeichnete Quelle besagt, von den Mönchen 1366 verpachtet. Außerdem gibt eine Urkunde aus dem Jahr 1438 Auskunft über einen Schiedsspruch zwischen "Engel, Witwe von Philipp von Albig, genannt von Dexheimer und dem Kloster Eberbach wegen der Mühle von Selzen". Um welchen Streitpunkt es dabei ging, ist leider unbekannt. Alte Gemarkungsbezeichnungen, die Wolf-Dietrich Zernecke zusammengetragen hat - wie by der molen (1435), im mühl wegh und in der Mühlwaiten (beide 1631), hiender der muhlen, am muhlklauwer (1698) oder nechst bey/ahn der Mühl und Mühlacker (beide 1780) - belegen zudem unzweifelhaft die Existenz der Selzer Mühle. Aus dem "Jubiläumsbuch zur 1200 - Jahrfeier der Gemeinde Selzen" von 1982 erfahren wir weiterhin, dass das Mühlengelände schon in fränkischer Zeit besiedelt war. Bereits im sechsten oder siebten Jahrhundert existierten im Bereich des heutigen Ortes Selzen drei Siedlungskerne - und aus deren südlichster Hofstelle entwickelte sich die Selzer Mühle. Als im 14. / 15. Jahrhundert der Ort befestigt wurde, blieb die Mühle ungeschützt: "Angewiesen auf Gefälle und Verlauf der Selz und daher nicht verlegbar, [wurde sie] in den aus Gebück (Buschwerk), nassen Gräben und drei oder vier Toren bestehenden Verteidigungsring nicht einbezogen", berichtet Böcher. Er beschreibt überdies in seiner "Geschichte des Dorfes Selzen" (1982), die Mühle liege idyllisch im Wiesengrund, sei schon fast mit dem Dorf zusammengewachsen. Und er bedauert, die "malerisch um einen Innenhof gruppierten Gebäude des 17., 18. und frühen 19. Jahrhunderts" seien dem Zerfall preisgegeben. Hier erwähnt er auch Schlusssteine mit den Jahreszahlen 1614, 1743, 1757, 1823 und 1830, die teilweise mit den Initialen der Müllerfamilie Baltz oder den Wappenbildern des Müllers - Mühlrad und Mühleisen - geschmückt waren. Der erstgenannte Stein ziert noch immer den Sandsteinbogen zum Kellergewölbe, in dem früher die Weinfässer lagerten. 1743 und 1757 lauteten die Inschriften auf Einfahrts- und Gartentor, wobei nicht mehr eindeutig zu klären ist, welche Zahl sich an welchem Tor befand. Erst vor wenigen Monaten sprengte der das Hoftor überwuchernde Efeu die Inschrift ab, sie zerschellte in unzählige Stücke - und die Pflanze wurde kräftig zurückgeschnitten. Mit 1823 war der Heuschober gekennzeichnet, und der Stein mit der Jahreszahl 1830 schließlich dürfte sich im Kelterhaus befunden haben, ist allerdings bei Umbauarbeiten verschwunden. Eine weitere Jahreszahl erkennt man in der quadratischen Buntsandsteinplatte über der Eingangstür des Wohnhauses. Dort sind das Entstehungsjahr des Gebäudes - 1844 - und der Namen des Bauherrn vermerkt: "Jakob Baltz, verheiratet mit Ehefrau Katharina Elisabeth, geborene Kissinger". Die Steinmetzarbeit zeigt in einem Laubkranz das Mühlrad, flankiert von zwei Pferden und darüber die Initialen JB. Bei der Suche nach Müllern der Selzer Mühle hat wieder einmal der Köngernheimer Heimatforscher Walter Schwamb weiterhelfen können. Da einige Müller zu seinen Vorfahren zählen, hat er sie in seiner Familienchronik erfasst. Beim erfolgreichen Durchforsten des Selzer reformierten Kirchenbuchs stieß er zusätzlich auf deren Vorgänger und Nachfolger. Als erster ihm bekannter Müller war Theobald Trechsler (auch Dreßler), gestorben vor 1633, mit seiner Frau Anna Besitzer der Mühle. Auf ihn folgte sein Sohn Erasmus. Wie das Kirchenbuch berichtet, starb dieser "in Oppenheim an der Pest". Dorthin war er wohl geflüchtet, um den Franzosenangriffen zu entgehen. Denn der Aufenthalt in der Stadt schien sicherer, vermutet Schwamb. Nach Erasmus Trechsler scheint Hans Wolf Duttel die Mühle bewirtschaftet zu haben. Er verstarb 1666, und seine Witwe Eva heiratete im Jahr darauf den Müller Johannes Regle. Dann schweigt das Kirchenbuch, und erst im Jahr 1711 taucht mit Johann Paul Bal(t)z (*1683) der Stammvater derjenigen Müllersippe auf, deren Nachfahren noch heute die Mühle bewohnen (zweiter Teil folgt).

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