Am 9. November liest Günter Lamprecht die Hauptrolle in Franz Kafkas Dramenfragment "Der Gruftwächter" in Kloster Eberbach. Fragen zu diesem Text und zur Kafka-Lesetour beantwortet Initiator, Kafka-Spezialist und Werk-Herausgeber Hans-Gerd Koch.
Herr Koch, Sie sind Kafka-Kenner - sagen Sie uns doch bitte: Was ist "kafkaesk"?
Koch: Landläufig versteht man darunter alles, was ein Gefühl des Ausgeliefertseins an nicht greifbare Mächte bedeutet; etwas, was dunkel ist und vielleicht auch ein bisschen depressiv. Was eigentlich dem armen Franz Kafka ziemlich Unrecht tut.
Interview
Was ist denn dann das Neue, das Ihre Lesetour über Kafka vermitteln will?
Koch: Mir geht es darum, Kafka wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen und deutlich zu machen, dass das, was man als dunkel und bedrohlich empfinden kann, auch sehr komische Seiten hat. Vor allem, wenn man Kafka vorgelesen hört. Dann wird diese Komik besonders deutlich.
Und worin liegt diese Komik?
Koch: Das ist eine Komik, die aus einer gewissen Nachdenklichkeit heraus entsteht. Kafka überholt uns in unserer Erwartungshaltung und packt uns plötzlich von einer ganz anderen Seite, dass man überrascht schmunzeln, lachen, vielleicht auch befreit lachen muss.
Welche Rolle spielt dafür Kafkas Sprache?
Koch: Das ist zum einen der Bau der Sätze: Es sind lange Perioden. Ein Satzbau, für den Kafka sehr bewundert ist. Was auch einen Teil der Faszination des Vortrags ausmacht, ist, dass er manchmal das, was er beschreibt, auch durch Satzbau und Wortwahl wiederholt.
Wie leicht ist das Lesen dieser Texte?
Koch: Man muss höllisch aufpassen. Es ist nicht einfach. Wir legen bei dieser Lesetour auch immer Wert darauf, dass es wirklich gute Sprecher sind. Kafka-Texte sind sehr klar gebaut, und sie sind sehr verlässlich. Wirklich gute Schauspieler merken sehr schnell, dass man nichts hinzugeben, nicht noch eins draufsetzen muss. Dass, wenn man sich dem Text anvertraut, er wunderbar funktioniert.
Was bestimmt die Auswahl der Texte für die Lesetour?
Koch: Es sind natürlich erst mal ganz technische Dinge: Sie dürfen nicht zu lang sein. Die meisten Erzählungen Kafkas passen, aber leider nicht alle.
Warum haben Sie sich für die November-Lesung in Kloster Eberbach für Kafkas einziges Drama "Der Gruftwächter" entschieden?
Koch: "Der Gruftwächter" ist ein wunderbares Stück - leider Fragment geblieben - und es hat, wie ich finde, eine November-Stimmung. Und es hat etwas Besonderes, wenn man den richtigen Ort dafür findet. Ich kann mir vorstellen, dass Kloster Eberbach der geeignete Ort dafür ist.
Was hat es mit den unterschiedlichen Textfassungen dieses "Gruftwächters" auf sich? In der einen Ausgabe bricht der Text plötzlich ab - in anderen gibt es eine Fortsetzung mit auch zwei neuen Figuren. Was war da passiert?
Koch: Das liegt einfach daran, dass Kafka am Ende mit dem Text nicht zufrieden war. Er hat eine Maschinenabschrift begonnen. Das deutet daraufhin, dass er ursprünglich mit dem Text sehr einverstanden war. Aber diese Abschrift bricht eben mitten in einem Satz ab. Er hat da aufgegeben. Und deshalb umfasst diese Abschrift weniger Text, als das, was noch im Manuskript vorhanden ist. Hinzukommt, dass er im Manuskript große Passagen gestrichen hat. Sein Nachlass-Herausgeber Max Brod hat teilweise diese gestrichenen Stellen wieder eingefügt, damit ein etwas runderer Text entsteht. Wir halten uns aber strikt an eine Kafka-Fassung, die er vielleicht gut geheißen hätte.
Wie haben Sie Schauspieler Günter Lamprecht für die Rolle des Gruftwächters gewinnen können?
Koch: Das war gar nicht so einfach, weil Günter Lamprecht sehr genau darauf achtet, welche Texte er wählt. Er war erst sehr vorsichtig, hat ihn gelesen und fand ihn dann doch sehr attraktiv und gut.
Sie selbst lesen auch bei der Veranstaltung mit . . .
Koch: Das ist noch nicht ganz sicher. Weil Günter Lamprecht auf die Idee kam, dass wir eigentlich die Regieanweisungen mitlesen sollten. Das würde ich dann übernehmen, und wir werden so wahrscheinlich noch einen weiteren Schauspieler brauchen.
Das Kafka-Zitat auf der Einladung: "Ich lese höllisch gerne vor" - gilt das auch für Sie selbst?
Koch: Das gilt auch für mich selbst. Ich lese gerne vor, vielleicht auch durch Kafka angeregt. Ich habe irgendwann gemerkt, was es für einen Unterschied ausmacht, wenn man Texte von ihm laut liest. Auch für sich selbst. Ich konnte gut nachempfinden, dass Kafka beim Lesen seiner Texte große Lust empfand.
Sie werden dem Publikum auch eine Einführung in die Veranstaltung geben. Was wollen Sie dabei vermitteln?
Koch: In dieser Einleitung will ich vermitteln, in welcher Zeit dieser Text entstanden ist und welche Einflüsse eine Rolle gespielt haben.
Wie kann sich das Publikum auf die Lesung vorbereiten - außer, sich warm anzuziehen?
Koch: Ich glaube die beste Vorbereitung ist, ganz entspannt und gelassen sich dem hingeben, was da kommen wird und es zu genießen versuchen.
Warum haben Sie sich selbst so ganz und gar Kafka verschrieben?
Koch: Das Verschreiben war eigentlich eher zufällig. Ich habe als Student an der Kritischen Kafka-Ausgabe mitgearbeitet, habe meinen Abschluss gemacht und war in anderem Beschäftigungsfeld, als der damalige Redaktionsleiter wegging. Da hat man sich an mich erinnert. Ich habe zugesagt und gedacht, ich mache das fünf Jahre vielleicht. Es kam dann anders. Es hat mich gepackt. Es werden jetzt bald 25 Jahre Arbeit mit Kafka. Ich entdecke immer wieder Neues. Und ich habe auch durch die Lesungen an Texten, die ich gut kenne, neue Seiten kennen gelernt. Das finde ich nach wie vor faszinierend.
Das Gespräch führte Viola Bolduan.
Veranstaltung (mit Unterstützung von Buch Habel, des S. Fischer-Verlags und Kloster Eberbach): Günter Lamprecht liest die Titelrolle in Franz Kafkas "Der Gruftwächter" am 9. November, 20 Uhr in Kloster Eberbach. Eintritt: 9 Euro. Komplett mit Busfahrt von Buch Habel hin und zurück: 15 Euro. Vorverkauf bei Buch Habel und im Wiesbadener Pressehaus.
Weitere Informationen zu Hattenheim finden Sie unter: http://www.hattenheim.de