Rund 3000 begeisterte Besucher zählte die Aktion "Natur pur in Hattenheimer Flur" vom Weinbauverein voriges Jahr. Viele verdrießte auch das Wetter diesmal nicht: Stundenlang wanderten sie den Pfad entlang der 16 Wein- und Schlemmerstände zum Steinberg hinauf und herunter.
"So ein Wetter hatten wir noch nie!", stöhnten die Inhaber der rund 20 Weingüter und Restaurants unisono. Zuvor hatten die angekündigten 70 Prozent Regenwahrscheinlichkeit Cheforganisator Winzer Manfred Wagner nicht gesorgt: "Morgens Regen hatten wir in den zwölf Jahren öfter, aber nach 10 Uhr kam die Sonne raus." Das war diesmal anders. Zum Start der gut siebenstündigen Genuss- und Naturtour durch die erntereifen Weinberge hellte es zwar etwas auf, aber es tröpfelte munter weiter.
"Viel zu viel mit 300 Portionen" hatte Stefan Laufer vom Gasthaus "Zum Krug" vorbereitet, zumal er den Wildschweinschinken mit Steinpilz-Kürbiskernbrot und feinen Desserts erst gegen Ende des drei Kilometer langen Weges zu Stefan Gerhards Weinen kurz vor der Domäne Neuhof anbot. Besser ging es beiden mit ihrem Shrimps-Cocktail-Sekt-Stand, der die mit Zwiebel- und Gemüsekuchen in Schloss Schönborn gestärkten Wanderer gleich am Einstieg in den Weg hinter der Bahnlinie erwartete: "Letztes Jahr hatten wir zu wenig Cocktails, aber diesmal haben wir nicht viel dabei, weil wir schnell am Lokal nachholen können", erklärten die Familien mit skeptischem Blick zum Himmel: "Das ist wirklich trostlos, so was gab´s noch nie."
Keine 200 Meter weiter bot Jakob Statzner zu seiner Wildschweinsülze feine Weingelees wie Maracuja mit Chili, Liköre und Schnäpse, die viele aber lieber beim Rückweg mitnahmen, statt sie über die Strecke mitzuschleppen. Hier strandeten auch gleich die ersten vier Wanderer - zwei ältere Paare aus Dresden und Berlin, die von Erbach herübergewandert waren. "Wir legen jedes Jahr unseren Urlaub so, dass diese Wanderung drin ist, da lassen wir uns doch vom blöden Wetter nicht abhalten", betonten Karin und Jörn Märksch, die seit 25 Jahren "wegen des Weins" in den Rheingau kommen. "Für ,Natur pur´ ist kein Weg zu weit", bestätigten Helga und Dietrich Hübner. Eifrig testeten die Paare den halbtrockenen 2003er. "Der schmeckt mir nicht", sagten die Frauen und Märksch meinte: "Der 2003er hat keinen Extrakt, gut, dass der jetzt bald weg ist."
Während sie sich gemütlich den Weg hinauf arbeiteten, Stand um Stand Weine verkosteten und ab und zu - "wir gucken überall, was es gibt" - die Speisen ausprobierten, lief Karina fröhlich quasselnd mit ihren Eltern zielstrebig zur Georg-Müller-Stiftung: Die achtjährige Hattenheimerin begleitete die Eltern wie jedes Jahr nicht wegen der Weine, sondern "weil ich eine Bratwurst essen und da oben spielen und meine Freunde treffen will".
Aus diesem Grund machte sich auch eine 76-jährige allein mit ihrem Regenschirm auf den Weg: Freunde hätten sie überredet, doch endlich mal zu "Natur pur" zu kommen. Sie wolle auch einige Weine probieren, "aber natürlich nicht an jedem Stand", fand die Seniorin sehr schade, dass es ausgerechnet bei ihrer ersten Teilnahme "jetzt so regnet". Der Regen störte wiederum ein junges Hattenheimer Weinfan-Paar gar nicht: "Dafür gibt es Kleidung." Der Regen verkürze ihre Tour höchstens.
Neu unter der breiten Weinpalette und dem üblichen Angebot von deftigen bis zu erlesenen Speisen war nur Stand Nummer vier. "Ihr trinkt einen Wein", begrüßte Angelika Hinz jeden, der vorbeikam, gab ein Gläschen "Mein Einziger" aus und reichte eine Portion von ihren 1001 Minifrikadellen dazu. "Der Einzige wird nur verschenkt", erklärte die Biologin, dass sie sich vor 14 Jahren mit ihrem Mann einen Weinberg in der Lage Hassel zulegte, als Hobby Wein erzeuge und den nicht verkaufe. "Er heißt ,Mein Einziger´, weil wir nur einen Wein haben." Warum sie trotzdem mitmachte? "Aus Solidarität mit den Hattenheimer Winzern."
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