Wer reist, der schreibt - so er denn literarisch arbeitet, weit über Ansichtskarten-Format hinaus. Es gilt für den Schweizer Peter Stamm, wie für den letzten Gast im Programm des Rheingau-Literatur-Festivals, Cees Nooteboom aus den Niederlanden. Beide verbindet nicht nur die aktuelle Veranstaltungsfolge im Rheingau - der eine, Peter Stamm, war erster Poetik-Dozent an der Fachhochschule Wiesbaden 2004 und Rheingau-Literatur-Preisträger 01; Cees Nooteboom 1993 Gastgeber erinnerungswerter Literaturtage in Wiesbaden. Sie wissen beide sehr gut, wo sie sind - und die Hommage an die Region fällt nicht knapp aus. Der im Kanton Thurgau aufgewachsene Schweizer erkennt um Geisenheim Weinberg-Landschaft wieder; und Nooteboom krönt seine Lesung in Kloster Eberbach mit einer Kurzgeschichte aus "Allerseelen", und sie mit einem Glas Hefe aus diesem Kloster. Die Autoren sind natürlich weiter herumgekommen als nur bis zum Rheingau.
Der eine, Nooteboom, ist seit den 50er Jahren ein bekannter Reiseschriftsteller (neben den Romanen und seiner Lyrik); und auch Peter Stamm kennt sich an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt aus. Vielleicht treibt es beide hinaus, weil ihre Herkunftsländer eher kleinere sind.
Ihr literarisches Werk hat einen jeweils charakteristisch individuellen Ton. Und dennoch: Parallelen gibt es in der Art, wie sie ihre Geschichten finden. "Das Fremde ist etwas Positives", sagt Peter Stamm, und der Mensch rätselhaft für Nooteboom. Das gilt es in Beobachtung und Betrachtung darzustellen. Und eine Reflexion über die Arbeit des Schriftstellers kommt dabei heraus. Sowohl in Peter Stamms neuem Buch "An einem Tag wie diesem", wie im Nooteboom-Band "Paradies verloren". Beide Veranstaltungen - bis auf den letzten Platz gefüllt.
Nach der Vorstellung des "Kulinarischen Almanachs" von Erwin Seitz tags zuvor, saß Martin Maria Schwarz als Moderator am Podium in der Geisenheimer Sektkellerei Bardong mit einem legeren Peter Stamm, der dem Publikum bekannte, dass "der Autor auch nicht mehr weiß als seine Figuren". Er weiß sie aber zu führen. Autor Stamm seinen Andreas aus "An einem Tag wie diesem" durch die Leere des Gewohnten und über den Wendepunkt einer möglichen Krankheit zurück in die Vergangenheit, die es zu bewältigen gilt, bevor sich die Richtung ändern kann. Peter Stamm schreibt in leisen Tönen und spricht entsprechend verhalten. Auslassungen gehören zum "vorsichtigen Umgang" mit dem Dargestellten und dem Material der Sprache. Und Geschichten findet der genaue Blick überall.
Präzise ist auch der des niederländischen Autors. Und mit 73 von äußerster Beweglichkeit. Elegant schlängelt sich Cees Nooteboom durch den überfüllten Refektoriumssaal von Kloster Eberbach, wird sich über die Begeisterungsfähigkeit des Moderators Heiner Boehncke gefreut haben - obwohl er als Autor gern auch Schreib-Geheimnisse gewahrt wissen will. Selbst "ein paar Meter vor der Auslegung bleiben", weiterhin lieber selbst erfinden als sich von Interpretationen festlegen lassen.
Das Werk freilich bietet sich mit seinen mannigfachen kulturgeschichtlichen Anspielungen zur nachfolgenden Analyse geradezu an; allein der Titel der Sammlung "Paradies verloren". Aber sicher, die Einführung fesselt, auch ohne an eine Replik auf John Miltons "Paradise lost" denken zu müssen. Der Schriftsteller als Voyeur der eigenen Arbeit, der Kulturgeschichte, Kunst und Konkretheit einer Engel-Erscheinung studiert, darüber freundlich spricht und chiffrenreich schreibt - das ist so zeitlos und nah, wie das chinesische Gedicht aus dem 8. Jahrhundert, mit dem Nooteboom seinen Abend beschließt.
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