Es ist ein richtiger Ohrwurm, der einen noch hartnäckig auf dem Heimweg verfolgt: Das aus zwei Skizzen rekonstruierte "Dona nobis pacem", der beschwingte Schluss von Wolfgang Amadeus Mozarts c-Moll-Messe in Robert Levins viel diskutierter Neufassung, die als Finale des Rheingau Musik Festivals in der Basilika von Kloster Eberbach erklang.
Der jugendliche Enthusiasmus von Festivalchor und -orchester des Europäischen Musikfests Stuttgart kam hier unter der Leitung von Helmuth Rilling zu schönster Entfaltung - und drängte die weniger erfreulichen Aspekte dieses Abschlusskonzertes in den Hintergrund: Etwa die Indisposition der sich durch ihre Sopranpartie quälenden Ruth Ziesak oder einige ungelöste Tempofragen zwischen Helmuth Rilling und dem Solisten-Quartett. Herausragend hier allerdings die stimmlichen Qualitäten der Sopranistin Simona Houda-Saturová neben dem Tenor Corby Welch und dem Bass Markus Marquardt, der übrigens auch schon zum Team der Ersteinspielung der Levin-Fassung mit der Gächinger Kantorei und dem Bach-Collegium Stuttgart zählte: Rilling hatte die kluge Rekonstruktion des Fragments 2005 international bekannt gemacht. Auch wenn sich die Interpretation in der Basilika nicht ganz auf dem Niveau der Einspielung bewegte, ließ das Engagement der jungen Musiker am Vorabend der Eröffnung des Europäischen Musikfests in Stuttgart doch viel vom Geist, vom Reiz dieser Neufassung spüren, die nicht zuletzt eine kreative Huldigung des Komponisten zu seinem 250. Geburtstag ist.
Es gehörte überhaupt zu den erfreulichsten Aspekten dieses Rheingau Musik Festivals, dass das Mozart-Jahr nicht nur mit musealen Standard-Programmen begangen wurde. In bester Erinnerung ist etwa das mit "Mozart-Marathon" viel zu banal betitelte Programm des furiosen Freiburger Barockorchesters und des SWR-Sinfonieorchesters unter Sylvain Cambrelings Leitung. Werke von Sciarrino und Widmann spiegelten das allerorts gehätschelte "Geburtstagskind" in die Gegenwart. Nicht minder erfrischend dann der Abend mit den English Baroque Soloists unter der Leitung von John Eliot Gardiner: Am Hammerflügel sorgte Robert Levin für ein aufregend historisches Mozart-Erlebnis - und war auch noch mit dem Satz eines Mozart-Doppelkonzerts präsent, das er im zarten Alter von 19 Jahren rekonstruiert hatte.
Die Musik seiner unvollendeten c-Moll-Messe verwertete Mozart später mit anderem, italienischem Text in der Kantate "Davide penitente", neben hinzukomponierten Arien. Der Clou dieses Festival-Sommers war nun, dass sich vom Eröffnungskonzert im Juni, in dem Hugh Wolff die Kantate dirigiert hatte, bis zum Schlusskonzert ein dramaturgisch besonders reizvoller Bogen spannte. Hörer, die in beiden Konzerten waren, bekamen eine Ahnung von Robert Levins Findigkeit beim Rekonstruieren und Transplantieren, wenn sie zum Beispiel Einleitung und Allegro der Sopran-Arie von "Davide penitente" nun in einer Tenor-Arie und im Agnus Dei der c-Moll-Messe wiederentdecken konnten. Bestaunen konnte man freilich auch die kontrapunktischen Künste im Crucifixus, einen im Basilika-Hall um Konturenschärfe bemühten Chor und ein Orchester, dessen vibratoarme Mozart-Auffassung der Kantaten-Interpretation des hr-Sinfonieorchesters im Eröffnungskonzert durchaus nahe war.
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