Mozarts "Requiem" - das ist eine Totenmesse, die in der heutigen Musikszene für höchst lebendige Unruhe sorgt durch immer neue Ergänzungen. Auf dem Sterbebett hat Mozart das Werk komponiert und nur die ersten drei Sätze einigermaßen vollendet. Nach acht Takten bricht das "Lacrimosa" ab. Danach gibt es immer neue Versu- che, Mozarts Fragment im Sinn unserer Zeit zu vollenden und neu zu instrumentieren. Fassungen des amerikanischen Musikforschers Robert D. Levin und Frank Beyer kommen ins Repertoire. Zuletzt hat man Ergänzungen ausgegraben, die der Haydn-Schüler Sigismund Neukomm 1821 für Brasilien hinzukomponiert hat. Nach wie vor aber hat die Fassung, die Mozarts Schüler Franz Xaver Süßmayr gleich nach dem Tod des Komponisten im Auftrag der Witwe Konstanze erstellt hat, viele Befürworter.
Auch der belgische Dirigent Philippe Herreweghe hält der bewährten Süßmayr-Partitur die Treue. Mit dem von ihm 1970 gegründeten Chor Collegium Vocale Gent und dem Orchestre des Champs-Elysées formt er das Requiem in der Klosterbasilika Eberbach zum expressiven Klangerlebnis. Alle emotionalen Höhen und Tiefen von flehend bis niederschmetternd, klagend und Trost verheißend macht dieses Ausnahme-Ensemble erfahrbar. Diese Ausdrucksvielfalt erinnert an die Registerwechsel einer Orgel. Bereits die Einleitung zum "Introitus" nimmt Herreweghe lastend und schwer, lässt es bei Streichern und Bläsern in den Seufzerfiguren geradezu ächzen und knirschen. In unermüdlichen Steigerungswellen rollt die Doppelfuge im "Kyrie" gegen das Kirchengewölbe. Spannungsvoll setzt der Dirigent im "Confutatis" die dramatisch geschärften Männerstimmen gegen die Sanftheit der Soprane. Monumental in sattem Chorklang gelingt die Anrufung "Rex tremendae". Überwältigend türmt der Chor die Fugen "Quam olim Abrahae" und "Cum sanctis tuis". Im Solisten-Quartett überragen die Frauenstimmen: Der Sopran von Carolyn Sampson und die Altistin Ingeborg Danz beseelen das "Benedictus", der Tenor Mark Padmore, Protagonist in Gardiners Zyklus der Bach-Kantaten, und der Bass Alfred Reiter ergänzen das Ensemble.
Wenn Herreweghe beim Requiem auf Tradition setzt, so wagt er bei der "Maurerischen Trauermusik" KV 477, die Mozart 1785 auf den Tod zweier Logen-Brüder schrieb, die Innovation. Unter dem Titel "Meistermusik für Männerchor und Orchester" bringt er eine Rekonstruktion von Philippe Autexier, der das bekannte Orchesterwerk mit einem Chor anreichert.
Mit den ventillosen Blechbläsern des Originalklang-Orchesters erklingt Mozarts "kleine" g-Moll-Sinfonie KV 183 ungemein harsch und kantig. Klein wird die Sinfonie des 17-jährigen Mozart genannt, um sie von der späteren Sinfonie in gleicher Tonart aus dem Jahr 1788 abzusetzen. Herreweghe bringt Fagott und Streicher im Mittelsatz zu delikat abgetöntem Wechselspiel und erreicht im Trio schönen Serenadenklang. Starker Beifall nach dem Requiem in der übervollen Basilika für einen Höhepunkt des Mozart-Jahrs.
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