Bericht - Melodiebögen


Wenn schon lange vor Beginn eines Konzertes in Kloster Eberbach alle Parkplätze besetzt sind, ist meist Außergewöhnliches zu erwarten. In diesem besonderen Fall mag es die Aufführung einer Jugendarbeit Giacomo Puccinis gewesen sein. Bereits im Alter von 18 Jahren hatte der Komponist mit einem Credo, Keimzelle der Messa, die er zwei Jahre später vollendete, ungewöhnlichen Erfolg, der sich bei der Uraufführung des fertig gestellten Werks in der Kirche San Paolino wiederholte. Seitdem geriet die Komposition in Vergessenheit. Erst als sie in den Archiven von Lucca wieder entdeckt und 1952 in Chicago aufgeführt wurde, fand die "Messa di Gloria" erneut Eingang in kirchenmusikalische Veranstaltungen. Trotz des Operngestus, aller Anklänge an Bellini, Gounod und vor allem an den von Puccini hoch verehrten Großmeister Verdi besticht das Werk durch kantable Melodiebögen; sein handwerkliches Können beweist Puccini mit der Gestaltung polyphoner Passagen. Die großformatigen Steigerungen der Finalsätze lassen den künftigen Opernkomponisten ahnen. Hier wie schon zuvor erwies sich die Sinfonietta Lausanne unter der ausformenden und konzentrierten Leitung von Michel Corboz als sensibler Klangkörper; das Ensemble Vocal de Lausanne erfüllte seine chorischen Aufgaben in lupenreiner Intonation und mit prächtigem Stimmklang; Valerio Contaldo (Tenor) und Hubert Claessens (Bass) waren profilierte Solisten. Begonnen hatte der Abend mit der "Messe pour les Pecheurs de Villerville" von Gabriel Fauré und André Messager für Frauenchor und Kammerorchester, eine Komposition in spätromantischem Ton von apartem Klangreiz, deren Interpretation von Chor und Instrumentalsolisten in geschmeidiger Linienführung imponierende Realisation erfuhr. Mit Francis Poulencs "Gloria" wurde Poesie und lyrische Betrachtung verlassen. Der zur Gruppe der "Six" gehörende französische Komponist nähert sich dem Lob Gottes in eruptiver, eigenwilliger, auch elegischer und manchmal leicht ironischer Tonsprache. Das am Stil Vivaldis orientierte neuklassizistische Werk weist dem Chor und der Solistin dankbare Aufgaben zu. In Sandrine Piau lernte man eine Sängerin kennen, der diese höchst anspruchvolle Partie keine Schwierigkeit bereitete. Ausgestattet mit vorzüglichem Stimmansatz bewältigte sie sicher die Intervallsprünge in silbrig strahlender Leuchtkraft mit wunderschön gefasster Höhe. Schon allein deswegen hatte sich die Fahrt nach Kloster Eberbach gelohnt. Riesenbeifall in der Basilika.

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