Bericht - Von der Nordsee zum Golf von Neapel


Die Idee des Reisens braucht weder Anfang noch Ende. Der alte Satz vom Weg als Ziel, tausendmal zitiert, aber deshalb nicht weniger wahr, findet hier seine Geltung. Il Giardino Armonico, italienisches Spitzenensemble der Alte-Musik-Bewegung, hat die Reise längst auch als programmatisches Ideal entdeckt. Ihre Studioalben und Konzerte, ihre besten zumindest, sind immer auch Expeditionen in unbekanntes Terrain oder wenigstens historisch-geografische Erkundungen quer durch Europa. Dabei interessierte sie weniger der Kanon der bekannten Werke, um ihn neu zu interpretieren, sondern die Ränder. Die alte Musik, die Il Giardino Armonico uns bietet, ist oft wunderbar anders als das, was wir von ihr erwarten: sie ist nicht von reiner, überwältigender Ordnung, sondern schillernd, bunt, exotisch, experimentell. Im Kloster Eberbach, im frisch renovierten Laiendormitorium, ist das nicht anders. Der Abend ist wieder einmal eine musikalische Reise, diesmal von der Nordsee zum Golf von Neapel. Nicht einmal die einzelnen Stationen werden klar markiert, manche Stücke gehen förmlich ineinander über. Wichtiger als Anfang und Ende, wichtiger als das Ankommen, ist das Gefühl, unterwegs zu sein. Einzelne Komponisten und ihre Sonaten und Concerti ziehen wie Begegnungen an einem vorüber. Da ist zum Beispiel Samuel Scheidt und seine Battaglia 5, die ungemein bewegt wirkt, voller Impulse und dabei ganz luftig und leicht, dass die sieben Musiker oben auf der kleinen Bühne immer mehr in Fahrt geraten. Erst federn, dann hüpfen sie auf und ab - wie es bei Il Giardino Armonico schon immer ein Wechselspiel gab zwischen den Energien der Musik und denen der Musiker, die sich gerne gegenseitig hochschaukelten, bis beides, Klang und Performance, einem Tanz glich. Dann gibt es aber auch das fein gehörte Filigran der Einleitung zu Johann Rosenmüllers Sonata XI für zwei Violinen, zwei Violen und Basso continuo: ein kühner Entwurf, ein Exempel früher Freiheit, die mit dem Klischee barocker Musik kaum zu verbinden ist. Später erst nimmt Giovanni Antonini, Flötist, Gründer und Leiter von Il Giardino Armonico, am Geschehen teil und hebt die Musik noch einmal auf ein neues Energieniveau. Das definiert sich vordergründig über die rhythmische Schärfe, ist aber doch vor allem in der Phrasierung begründet, in der Gabe, musikalische Bögen immens prägnant zu fassen und zu formen. Dass manches dabei, etwa im Allegro von Vivaldis F-Dur-Concerto für drei Violinen, Viola und Basso continuo RV 551, zu rasch gerät, zu sehr Kampf mit dem Material bleibt, ist die andere Seite der gleichen Medaille. Wer so ausdauernd Gleichmut und Routine verweigert, wer so bewusst auch auf Risiko spielt, der wird auch immer wieder mal ins Wanken geraten. Kein Grund aber, nicht mit ihnen auf Reisen zu gehen.

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