Als er Anfang Juli 1999 sein Amt als Landrat des Rheingau-Taunus-Kreises an seinen Nachfolger Bernd Röttger (CDU) übergeben hatte, begann für Klaus Frietsch nicht der Ruhestand, sondern sofort ein neuer Abschnitt im ruhelosen Arbeitsleben: Unmittelbar nach der Abschiedsfeier im Kloster Eberbach nahm er seine Tätigkeit als Vorstandssprecher der Anterra Vermögensverwaltungs AG in Frankfurt auf. Drei Jahre waren geplant, doch erst Ende 2005 endete für Frietsch die Berufstätigkeit - fast - endgültig.
"Ich habe noch keinen neuen Rhythmus gefunden", gesteht Klaus Frietsch, der am Samstag seinen 67. Geburtstag feiert. Tennis beim TC Winkel am Morgen, Arbeit im Garten, sein Engagement als Vorsitzender im Hilfsverein "Lebensraum Rheingau-Taunus" und vor allem Fernreisen mit seiner Frau Gertrud werden ihm aber sicher helfen, den Alltag neu zu strukturieren.
In zehn Jahren als Landrat und zuvor in 19 Jahren als Bürgermeister von Oestrich-Winkel hatte Frietsch das Image des "Machers", der auch schwierige Entscheidungen mit außerordentlich viel Energie durchsetzen konnte. Qualifikationen, die in der "freien Wirtschaft" ebenso gefragt sind. Denn es gelang dem Politiker, die Anterra AG von acht auf 65 Mitarbeiter mit zahlreichen Niederlassungen in ganz Deutschland auszubauen. Obwohl "für mich als Älteren der Anfang schwer war", erinnert sich Frietsch. In der Zusammenarbeit mit Bankern und Immobilien-Profis musste er sich in ganz neue Themen einarbeiten. Andererseits habe die politische Erfahrung geholfen: "Bei Verhandlungen mit Landräten kannte ich eben auch die andere Seite des Schreibtischs". Und deshalb hat Frietsch in Frankfurt nicht nur mit viel Spaß, sondern auch recht erfolgreich gearbeitet.
Und wenn er heute Politik und Wirtschaft vergleicht? Da vergleicht er den "produktiven Teil" der Arbeit: "Als Landrat waren das etwa 50 Prozent, in der Wirtschaft wird fast ausschließlich produktiv gearbeitet", resümiert Frietsch. Das sei in der Politik systembedingt, da zahlreiche Netzwerke gepflegt und repräsentative Aufgaben wahrgenommen werden müssten. "Aber das hat mich im Nachhinein etwas traurig gemacht", gesteht der langjährige Vollblut-Politiker. Man sollte über Änderungen der politischen Strukturen nachdenken.
Unter das Lebenskapitel "Politik" hat Klaus Frietsch 1999 gleichwohl einen dicken Schlussstrich gezogen. Er habe sich ganz bewusst nicht mehr öffentlich geäußert, auch wenn dies in der ersten Zeit nach seiner politischen Tätigkeit "manchmal nötig gewesen wäre". Und deshalb ehrte es ihn zwar, dass die SPD ihm mit Hinweis auf die zeitlichen Möglichkeiten eines Ruheständlers gern wieder in der Stadtverordnetenversammlung gesehen hätte. Grundsätzlich sei es mit Blick auf die Altersstruktur der Bevölkerung zwar richtig, dass auch Menschen sich im Ruhestand in der Kommunalpolitik engagieren, sagt Frietsch. Aber nach 30 Jahren in hauptamtlicher Funktion sei dies nicht mehr sinnvoll. Die Kreispolitik verfolgt der Winkeler nur noch als Beobachter - und hält sich mit Meinungsäußerungen zurück. Er bedauert aber, dass "heute Fehler wiederholt werden", übt er dann doch Kritik. Einer dieser Fehler ist für ihn, dass es im Kreistag "keine Mehrheit gibt, in die auch die Hauptamtlichen an der Kreisspitze eingebunden sind."
Eine echte Herausforderung hat Klaus Frietsch, wenn er auf der Terrasse seines Hauses in Winkel sitzt, direkt vor Augen: Der große Garten hat sich in den 34 Jahren, in denen er mit seiner Frau dort wohnt, zu einem ausgeprägten Naturgarten entwickelt. Und der Ex-Landrat, der früher meist nur zum Mähen des Rasens Zeit hatte, wird hier einige Arbeit haben.
Und noch ein ganz anderes Hobby baut er jetzt weiter aus: seine Modell-Eisenbahn. "Kürzlich habe ich wieder ein zweitägiges Seminar bei Märklin gemacht", berichtet der Eisenbahn-Fan. Damit beschäftigt er sich, seitdem er nicht mehr Landrat ist. Anlagen auf dem PC entwerfen, alles selbst bauen und vor allem die moderne digitale Technik der Modell-Eisenbahn erlernen - das macht er mit Begeisterung.
Und so ganz hat ihn das Berufsleben noch nicht losgelassen. Denn die Amerikaner, die die Anterra AG im vergangenen Jahre übernommen haben, wollen die langjährige Erfahrung des früheren Vorstands weiter nutzen. Deshalb hat Frietsch einen Beratervertrag und in Frankfurt auch weiterhin ein Büro. Und schließlich will er ja auch noch verfolgen, wie von ihm angestoßene Bau- und Erschließungsprojekte realisiert werden.
Auch an der Spitze des psychosozialen Hilfsvereins "Lebensraum Rheingau-Taunus" sind seine Fähigkeiten als Moderator und Manager weiter gefragt. "Hier möchte ich auch künftig meine Kontakte nutzen und etwas im sozialen Bereich tun", begründet Frietsch sein Engagement. Der Verein hat immerhin 35 Beschäftigte. Und er könne Menschen helfen, "die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen".
Wenn Klaus Frietsch, der "Macher", zurückblickt, ist ihm aber auch bewusst, dass nicht alles nur mit viel Arbeit und einem festen Willen erreichbar ist: "Ich habe auch viel Glück gehabt - und eine gute Konstitution." Deshalb sei seine Gesundheit, obwohl er daran oft Raubbau getrieben habe, heute noch sehr gut.
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