Bericht - Restaurieren alter Bücher


Der Tod lauert im Verborgenen. Langsam und öffentlich kaum bemerkt findet das große Büchersterben statt. 42 Prozent der Altbestände an hessischen wissenschaftlichen Bibliotheken sind geschädigt, sagt Georg Nolte-Fischer, Direktor der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt. Sie instand zu setzen kostet über 30 Millionen Euro. Weil das aus Landesmitteln nicht aufzubringen sei, sollen Patenschaften für einzelne Bücher und Spenden helfen, wichtige Werke des schriftlich dokumentierten Gedächtnisses vom Hochmittelalter bis zur Barockzeit zu retten. "Bis zum Ende unserer Ausstellung haben die Besucher drei Werke gerettet", sagt Brigitte Felber, Führerin im Eberbacher Abteimuseum und zeigt auf das Sparschwein am Eingang. "Wenn ich den Leuten die zerrissenen und zerfallenden Bücher zeige, dann fragen sie schon von sich aus nach der Spendensammlung", berichtet sie vor der Vitrine mit der "Chirurgia" des Rogerius Salernitanus. 1 100 Euro kostet die Restaurierung der maladen medizinischen Handschrift aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Führerin Felber ist sich sicher, das Geld noch zusammen zu bekommen, um dieses epochale Werk mit deutschen und italienischen Benutzereinträgen einschließlich eines deutschen Wurmsegens wieder heil machen zu lassen, hat es doch ein Mönch des Klosters Eberbach damals eigenhändig in Bologna abgeschrieben. So wird das Schicksal des Büchersterbens öffentlich. Rettung aus der Not wird zur Ehrensache für all die gemacht, denen die Bewahrung des kulturellen Gedächtnisses nicht einerlei ist. Dass Rettung technisch möglich ist, wenn das Sponsoring stimmt, machen an diesem Tag zwei Fachleute deutlich, die zeigen, wie das vonstatten geht, unter ihnen Erich Edelmann, Buchbindermeister an der Hessischen Landesbibliothek Wiesbaden. Mitgebrachte Fotos dokumentieren, wie vom Zahn der Zeit, von Nässe und Nagern scheinbar Zerstörtes instand gesetzt werden konnte - bei historisch wertvollen Werken, vorwiegend vor dem Jahr 1 500, soweit es eben enge Etats und Spenden erlauben. Zwölf bis 24 Bücher bringt Buchbindermeister Edelmann pro Jahr auf Vordermann und packt sein Anschauungsmaterial aus. Zwar nicht Schätze wie die Schädel´sche Weltchronik oder gar den Codex Hildegardis von 850, dafür die nach allen Regeln der Kunst originalgetreu, unverfälscht und farbecht aufgearbeitete Abhandlung der heimischen Kräuter- und Pflanzenwelt des Camarius von 1586. "Wenn Sie mit Chemie drangehen, können Sie nichts mehr ändern, wohl aber mit natürlichen Stoffen wie Leim und Kleister", erklärt der Meister, lässt unterschiedliche Papiersorten erfühlen, macht die Verwendung von Säure bei der Papierherstellung für dessen Verlotterung verantwortlich, prangert die unglückliche Verwendung von Petroleum bei Restaurierungen in den 60-er Jahren des vorigen Jahrhunderts oder gar die Verwendung von Klebeband an: "Nix ist schlimmer als Tesafilm." Dass der Büchertod tatsächlich im Verborgenen lauert, zeigt Edelmann an einem außen intakten Buch. Schlägt man es auf, durchzieht eine Fraßspur den gesamten Innenteil. Der Bücherwurm hat sich gütlich getan und ganze Arbeit geleistet. Ob abgeschabte, gebrochene, mit Wachsflecken versehene Holzrücken und Buchdeckel, abgebrochene Krokodilschließen, die nur noch eine Fachfirma für mehr als ein paar Euro fertigt, der interessierte Laie staunt nicht nur. Er entdeckt für sich eine Domäne, in der künstlerisches Handwerk auf Meisterniveau stattfindet, Wissenschaft und Handarbeit eine Symbiose eingehen, Schreiner, Schlosser, Buchbinder und Historiker sich die Hand reichen. Wobei Altes nicht auf Neu getrimmt werden, die in Bruchstücken erhaltene Schrift auf der angerissenen Seite nicht ergänzt, sondern der Bestand des Vorhandenen mit Auseinandernehmen, Entsäuern, Entkernen, Waschen, Draufheften auf neue Bünde, Verleimen, neuem Deckel und Einledern gesichert werden soll. Also keine künstliche Patina wie Grünspan bei Messing durch Ammoniak. "Fälschen geht immer", weiß Edelmann, "das machen wir aber nicht."

Weitere Informationen zu Hattenheim finden Sie unter: http://www.hattenheim.de