Bericht - Nassauer Versscher


Die Idee, eine Mundart-Führung durch Wiesbaden anzubieten, hatte Christine Jendrasch vom Tourist-Service vor zwei Jahren. Voller Begeisterung mit dabei sind von Anfang an vier professionell geschulte Stadtführer. Als Philipp und Lisbeth wechseln sich bei den Rundgängen die freiberuflich tätigen Waltraud Keller und Peter Netz ab mit Elfi Dale und Ulrich Hies. Sie tauschen sich untereinander regelmäßig aus, um sich auch vertreten zu können oder eine größere Gruppe zu teilen. Alle vier wurden bei den Kurbetrieben ausgebildet und nehmen regelmäßig an Fortbildungen teil. "Wir haben untereinander unheimlich viel Spaß", berichtet Waltraud Keller als Wiesbadener Urgestein. Ihr persönlich ist es wichtig, im Gespräch für das Quartett zu betonen, dass der Gästeführer als Beruf anerkannt ist. Dafür absolvierte sie eine zweijährige Weiterbildung. In Zukunft soll nur noch gebucht werden, wer ein Zertifikat besitzt. Allen vier Akteuren gemeinsam ist, dass sie mit dem Dialekt groß wurden. Es eint sie die Freude am "nassauischen Gebabbel" und so haben sie keine große Mühe, davon Gebrauch zu machen. Immer wieder beschäftigten sich Waltraud Keller und Peter Netz viele Stunden mit dem Rundgang. Sie stöberten in alten Büchern und Unterlagen, lernten das Leben von Lisbeth und Philipp kennen und sind es in ihren Kostümen fast selbst. Seit 18 Jahren frönt die Wiesbadenerin ihrem Hobby Russische Kapelle und Friedhof. Kein Wunder dass auch ihr "zweiter Tick" etwas damit zu tun hat. Gemeint ist die Partnerschaft zwischen einer Elite-Schule in Moskau und der Carl-von-Ossietzky-Schule, an der sie 16 Jahre als Büroleiterin ihre beruflich "schönste Zeit" erlebte. Ein großes Faible hegt sie auch für Rundgänge durch Kloster Eberbach. Ihre Kollegen Netz und Dale übernehmen gern Führungen in englischer Sprache. Doch an ihrem Nassauer Paar hängen sie alle. Wie Lisbeth alias Waltraud verrät, brauchten sie und Netz ein halbes Jahr, bis sie die Mundart-Führung "in trockenen Tüchern hatten" und dies auch dem anderen Paar vermittelten. Alle verfügen zwar über den gleichen Text, aber sie gehen stets auf die Interessen der maximal 25 Personen umfassenden einzelnen Gruppen ein. Treffpunkt ist immer am Eingang zum Stadtschloss. "Viele Leute finden das nicht, steht doch da am Eingang "Hessischer Landtag", meint "Lisbeth" Keller heiter. Zum Nassau-Jahr passen dieser Rundgang in Dialekt und Kostümen auch deshalb so gut, weil der mit 17 Jahren erblindete Philipp Keim aus Diedenbergen vom Herzog eine besondere Zuwendung erfuhr. Ihm wurde eine Drehorgel geschenkt und das Privileg, überall im Nassauer Land, vor allem in Kurorten, seine aktuellen Nachrichten in Versform vortragen zu können. Begleitet von Orgel und Geige, berichteten sie über die Neuigkeiten, die sich im Ländchen zugetragen hatten. Ihre Führungen beendet Waltraud Keller alias Lisbeth mit einem Mundart-Gedicht, in dem das Klischee der vermeintlich nassauernden - also schnorrenden - Nassauer entrümpelt wird. Denn mangels einer eigenen Universität hatte der Herzog zur Unterstützung Nassauer Studenten in Göttingen einen Freitisch eingerichtet. Es gab sogar einen Freitisch-Inspektor namens Professor Knogge. Ihren schmarotzenden Kommilitonen rieten die Studenten aus Nassau: "Bleib´ nit so lang hocke, sonst kommt Professor Knogge. Weh dem, er kennt kein Bedauern, trifft er dich beim nassauern." Die Stadtführerin berichtet, dass die Braunschweiger in Göttingen mehrere Freitische hatten. Um so mehr fragt sie sich, warum man zwar vom nassauern, aber nie von braunschweigern hört. Den stets eine heitere Stimmung besitzenden Führungen folgen die Teilnehmer aufmerksam und freuen sich offenkundig über die mundartlichen Ausflüge in die für Wiesbaden prägende Nassau-Zeit, berichten die Stadtführer. Zum Ausklang gibt es im Weinkeller Altes Rathaus einen mit passenden Versen garnierten guten Schoppen. Bei den Führungen sind übrigens meistens Gäste aus ganz Deutschland dabei, ebenso aber viele Wiesbadener. PhilippKeim und seine Lisbeth erfreuen auch gern die Gäste von Familienausflügen, Geburtstagen oder Jahrgangstreffen, verraten die Stadtführer. Führungen mit einem der beiden Paare Lisbeth und Philipp werden auf Anfrage über den Tourist-Service arrangiert: Marktstraße/Ecke Mauergasse, Tel. 0611 1729930

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