Noch nie hat Enoch von Guttenberg einen Zweifel daran gelassen, wie er Bach begreift: als große Musik, ganz nah bei Gott. Seit Jahren gibt er ihn so, dramatisch, mit starken Kontrasten und weit geschwungener Dynamik. Andere Dirigenten gehen filigraner vor, sorgen sich mehr um das Detail und die Sprach-, die Artikulationsfähigkeit der Musik. Guttenberg dagegen malt mit breitem Pinsel. Er schenkt uns mächtige Tableaux. Jede Aufführung ein Bekenntnis.
Das als bloß romantisch abzutun, greift indes zu kurz. Guttenberg hat sich durch die historische Aufführungspraxis durchgehört, an Harnoncourt abgearbeitet, er lässt sein Orchester der KlangVerwaltung München beim Rheingau Musik Festival in der Basilika von Kloster Eberbach zwar füllig, aber ohne Vibrato spielen. Fast scheint es so, als riskiere Guttenberg eine Rettung des Romantischen, als wolle er die Fähigkeit zu Größe, Ehrfurcht und Erhabenheit aus dem Blickwinkel des 21. Jahrhunderts neu formulieren. Sein Bach jedenfalls ist opulent, aber dennoch nicht dick, er setzt dramatische Akzente, bildet Spannungskurven ab, sucht Höhepunkte.
"Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen", vom Chor intoniert, ist so ein Kulminationspunkt - Guttenberg gibt diesen Satz, als handele es sich dabei selbst um ein kleines Oratorium. Immer wieder mündet die Matthäus-Passion in solche Schlüsselstellen: der Choral "O Haupt voll Blut und Wunden" etwa, der ekstatische Ruf nach "Barrabam", die Auforderung "Lass ihn kreuzigen!" Guttenberg kann sich dabei auf seine knapp 75 Mann/Frau starke Chorgemeinschaft Neubeuren verlassen, die er vor fast 40 Jahren gründete - mehr jedenfalls als auf seine KlangVerwaltung, die manches ein wenig schlapp angeht und einige Phrasierungsmöglichkeiten verspielt. Allerdings ist auch Guttenberg nicht immer in Bestform, die Dimension der Matthäus-Passion fordert auch ihn, im letzten Drittel muss er immer öfter im Sitzen dirigieren. Seine Schlagtechnik selbst schien schon einmal eindeutiger, mithin verlieren die Vokalsolisten (grandios: Stephan Gentz als Christus) die Bindung an das Orchester. Und doch: wieder funktioniert Guttenbergs Bach. Wieder packt er, rührt uns an. Sein Bekenntnis zu Glauben und Größe lässt sich von Kleinigkeiten nicht angreifen - bei Guttenberg war der dramatische Atem, das Ganze schon immer wichtiger. "Wir setzen uns mit Tränen nieder", heißt es schließlich, "und rufen dir im Grabe zu: Ruhe sanft, sanfte ruh". Gerne hätte er dem noch etwas nachgehört, in die Stille hinein. Der Applaus kam ihm spürbar zu früh. Verdient aber war er allemal.
Weitere Informationen zu Hattenheim finden Sie unter: http://www.hattenheim.de