Bericht - Transparenter Klarheit


Sie sind Konstanten im Programm des Rheingau Musik Festivals, die jeweils auf einen Komponisten bezogenen, über mehrere Sommer angelegten sinfonischen Zyklen. Die Bamberger Symphoniker widmen sich den Werken Schuberts, das HR-Sinfonieorchester ist für Schostakowitsch verantwortlich, und deren Kollegen vom Westdeutschen Rundfunk setzten jetzt als erste in diesem Jahr ihren Anton-Bruckner-Zyklus fort: Eliahu Inbal dirigierte in Kloster Eberbach die Sinfonie Nr. 4 Es-Dur, die "Romantische". Zumindest eine kleine Überraschung mochte man darin sehen, dass Inbal mit dem WDR-Sinfonieorchester Köln nicht die selten aufgeführte Erstfassung der "Romantischen" von 1874 gewählt hatte - schließlich hat er sich noch zu seiner Zeit als Chefdirigent des früheren Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt konsequent für die Urversionen jener Sinfonien eingesetzt, die der leicht beeinflussbare Komponist oft mehrfach überarbeitet hatte. Die "Romantische" mit ihrem später von Bruckner hineingetauschten "Jagd-Scherzo" ist insoweit ein besonders signifikantes Beispiel. In interpretatorischer Hinsicht ist Inbal freilich seiner auf klangliche Transparenz und Klarheit der formalen Proportionen angelegten Bruckner-Lesart treu geblieben: Schon die eröffnenden Streicher-Tremoli waren ein eher schlankes Fundament für das Quint-Thema der an diesem Abend, abgesehen von einem kleineren Aussetzer im langsamen Satz, vorzüglich disponierten Hörner des WDR-Sinfonieorchesters. Inbals Neigung zu zügigen Tempi verlieh gerade dem von den Bläsern angemessen deftig gespielten Scherzo stürmischen Drang; zugleich arbeitete Inbal die formalen Nahtstellen vor allem der Ecksätze deutlich heraus: Für das Nachvollziehen der architektonischen Strukturen so wichtig wie seine gut gestaffelten dynamischen Steigerungen - mächtige, vom Publikum mit entsprechend emphatischem Beifall gespiegelte Finalwirkungen nicht ausgeschlossen. Zuvor war mit Gustav Mahlers "Liedern eines fahrenden Gesellen" ein Werk erklungen, das etwa zeitgleich zu Bruckners Überarbeitungen seiner vierten Sinfonie entstand. Mit der Figur des umhergetriebenen Gesellen erinnern sie freilich eher an ein zentrales Motiv der Lieder Franz Schuberts, und tatsächlich war mit dem Bariton Christian Gerhaher ein Solist zu erleben, der vor allem als Schubert-Interpret gefragt ist. Doch die hohen Qualitäten von Gerhahers nicht unbedingt voluminösem, außer im forcierten Forte aber stets hoch kultiviert geführten Bariton kamen auch in seiner Mahler-Interpretation zur Geltung; ideal gelangen seine Registerüberblendungen etwa in den weiten Intervallen des "Ging heut´ morgen übers Feld"; die Erinnerung an die "zwei blauen Augen" zeigte deutlich, wie bereits ein treffendes, hier so passend fahl schattiertes Timbre der Stimmung eines Liedes Ausdruck verleihen kann. Auch dank der rücksichtsvollen Begleitung durch das WDR-Orchester waren die Mahler-Lieder damit weit mehr als nur ein Präludium zu Bruckners vierter Sinfonie.

Weitere Informationen zu Hattenheim finden Sie unter: http://www.hattenheim.de