Bei seiner letzten vogelkundlichen Beobachtung in 2006 führte der Naturschutzbund (NABU) Rheingau in die Grünaue. Fast 20 Frauen, Männer und Jugendliche gingen mit Ferngläsern und Bestimmungsbüchern auf Vogeljagd.
Die war so erfolgreich, dass die Gruppe meist nur wenige Schritte weiterkam, bevor sie Johannes Lipp und Manfred Wilke mit der Erklärung über neue Vögel stoppte. So viele verschiedene zu sehen, hatte keiner der bis aus Waldems angereisten Teilnehmer erwartet. "Ich war noch nie in der Grünaue", verriet eine Winklerin. Andere wie zwei Marienthalerinnen wollten "mal die Vögel in der Region kennen lernen". Wieder anderen hatten Vogelexkursionen mit Wilke und Lipp in Geisenheims Rheinauen so viel Freude gemacht, dass sie "mehr über die Tiere wissen" wollten.
Schon vor dem Start entdeckte Lipp am Uferparkplatz den ersten Vogel: eine Ringeltaube. Später konnte die Gruppe auf dem zweistündigen Rundgang sogar eine im Balzflug beobachten. Fasziniert verfolgten alle, wie die Taube abwechselnd durch die Luft glitt und klatschend ihre Flügel zusammenschlug. Reichlich Stopps gab es auch auf dem Weg zur Grünaue. Bis Sportplatzende bewunderte die Gruppe bereits Amsel, Schwalbe und Bachstelze.
"Wo, wo?", riefen alle aufgeregt, als Lipp Sekunden später auf einen Girlitz wies. "Was für ein hübscher kleiner Kerl", staunten sie, als sie den putzigen Vogel mit dem Fernglas eingefangen hatten, bis sie sofort ein Grünling im Balzflug fesselte. "Mindestens zehn Vogelarten brüten in einem größeren Baum", erklärte Lipp die Vielfalt. Nach dem Sportplatz ging es gerade so mit Mehlschwalbe, Dorngrasmücke und Silbermöwe weiter
Dabei begann erst jetzt die Hochstaudenflur, auf die sich die Exkursion konzentrierte. "Wenn wir Glück haben, sehen wir Nachtigall, Feldschwirl, Neuntöter und Schwarzkehlchen", bat Lipp. Wer eine halbe Stunde an einer guten Stelle stehe, könne die scheuen Vögel wahrscheinlich sehen.
Aber das Glück ließ nur ein, zwei Minuten auf sich warten: Direkt am Anfang der Hochstaudenflur saß ein Neuntöterweibchen in nur 50 Meter auf einer kleinen Weide. "Jetzt jagt es" und "jetzt sitzt es wieder auf dem Busch". Gebannt verfolgten alle, wie der Vogel mit dem schwarzen Augenstreif abwechselnd zu Boden stieß und pausierte. "Dahinter ist ein schwarzer Milan", entdeckte ein Teilnehmer den nächsten seltenen Vogel, bevor es im Gänsemarsch auf dem Weg durch Wiese und entlang des Rheins zurück weiterging.
Dabei erklärten die beiden Führer Besonderheiten zu den Vögeln. Die Nachtigall höre jetzt auf zu singen und fange zur nächsten Frühjahrsbalz wieder an, sagte Wilke und betonte, dass das Schwarzkehlchen "in Deutschland selten geworden ist". Viele hatten den sperlingsgroßen Vogel mit dem schwarzen Köpfchen, weißen Halsband und braunen Bauch tatsächlich noch nie vorher gesehen. Lipp erklärte, warum er sich wie der für den Rheingau ebenso untypische Neuntöter "vor drei Jahren hier ansiedelte".
Die Grünaue, die der Nabu Hessen der Bahn AG abkaufte, um die Gestaltung der Ausgleichsfläche für die ICE-Trasse zu übernehmen, lockt beide Vogelarten an. In Weinbergen gibt es sie nicht mehr. Seit die Reben auf der Grünaue zwischen Hattenheim und Erbach ausgehauen wurden, wachsen hier Hochstauden und Sträucher, die beide Zugvogelarten bevorzugen. "Aber wenn hier nicht bald was passiert", damit die Pflanzen niedrig bleiben, "sind das Schwarzkehlchen und der Neuntöter in zwei Jahren wieder weg." Lipp berichtete auch, wie der Neuntöter zu seinem Namen kam: Das Männchen spieße kleine Tierchen auf, um ein Weibchen zu beeindrucken. "Aber dass er dazu genau neun Tierchen aufspießen muss, stimmt nicht."
Weitere Informationen zu Hattenheim finden Sie unter: http://www.hattenheim.de