Die Häuserzeile am Hattenheimer Ortsausgang in Richtung Erbach ist schon seit längerem als Sammelsurium von Haustypen bekannt. Ein neues Projekt an der Erbacher Landstraße hat die Diskussion über die Rheingauer Baukultur neu entfacht.
Ein Rheingauer Architekt, der mit dem Zug schon öfter vorbeigefahren ist, meint ganz zurückhaltend zu der auf Säulen gesetzten Hattenheimer Dachterrasse: "Irgendwie passt es nicht zum Rheingau." Er steht nicht alleine da mit seinem Urteil. Der "Turm", der auf einem angrenzenden Anbau entsteht, überragt das Hauptgebäude und ist sogar schon Autofahrern von der Bundesstraße 42 aus aufgefallen.
Inzwischen hat die Bauaufsicht des Rheingau-Taunus-Kreises einen vorläufigen Baustopp verfügt, wie Christoph Zehler, Sprecher der Kreisverwaltung, mitteilt. Allerdings nur deshalb, weil eine Nachmessung ergeben habe, dass 40 Zentimeter zu hoch gebaut worden sei.
Vom Grundsatz her war die Dachterrasse zuvor genehmigt worden, weil sie sich nach den Vorgaben des Paragraphen 34 im Baugesetzbuch "in die Umgebung einpasst", wie Zehler erläutert. Es habe keinen Grund gegeben, das Vorhaben nicht zu genehmigen. Die Bauaufsicht könne nicht nach Geschmack urteilen. Und über Architektur könne man sich eben streiten. Landrat Burkhard Albers (SPD), der selbst in Hattenheim wohnt und das Bauvorhaben verfolgt hat, ist nicht gerade glücklich über das neue Erscheinungsbild an der Erbacher Landstraße. Wenn sich ein Gebäude nach Art und Maß der baulichen Nutzung in die Umgebung einfüge, dann müsse es aber genehmigt werden. Eine ästhetische Überprüfung gebe es eben nicht.
"Baukultur bringt Kunden" hat der Regionalparkplaner Dieter Popp bei einer Versammlung des Rheingauer Weinbauverbands gesagt und eine Bauberatung, wie sie in Rüdesheim und Lorch als Teil des Weltkulturerbes Mittelrhein angeboten wird, als dringend nötig bezeichnet.
Dass viele Ortseingänge und Ortskerne im Rheingau keine Visitenkarten sind, ist schon seit langem ein Thema. "Aber im Rheingau wursteln alle so weiter", so der Eindruck von Dagmar Söder vom Landesamt für Denkmalpflege. Eine Baufibel, wie sie in Rüdesheim und Lorch an alle Eigentümer verteilt worden sei, müsse im ganzen Rheingau verbreitet werden. "Jeder will sich selbst verwirklichen, auf die Gesamtwirkung wird nicht mehr geachtet", sagt Söder. Als Beispiel nennt sie neue Anstriche in "Bonbonfarben", die nicht zum Rheingau passen.
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