Bericht - Kleinstädtischer Charakter


Wie hat Hattenheim im 19.Jahrhundert ausgesehen? Auf Einladung des Hattenheimer Förderkreis für Kulturdenkmäler kamen viele Zuhörer ins Katholische Pfarrzentrum gefunden, um mit dem Referenten Reinhard Reuter auf den Spuren der Ortshistorie zu wandeln.

Es ist bereits einige Jahre her, dass der Architekt und Baugeschichtler Reinhard Reuter an der TU Darmstadt mit Studenten das alte Ortskarree zwischen Rheinstraße, Pfarrgässchen und Hauptstraße bis über die Fischerstraße hinaus unter die Lupe nahm. Für das Forschungsprojekt "Kulturlandschaften in Hessen" wurden seit Mitte der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts insgesamt 140 Anwesen untersucht und mit Zeichnungen präzise erfasst. Ergänzend dazu recherchierte Reuter im Wiesbadener Staatsarchiv anhand von Stockbüchern, einem Vorläufer der heutigen Grundbücher, die bis ins Jahr 1820 zurückreichende Abfolge der Hausbesitzer. Seit 2005 liegen die Forschungsergebnisse in Buchform vor. Reuter will die "Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit dörflicher Strukturen" erkennen. So ist es kein Zufall, dass der Autor auch in den Hattenheimer Häusern und Gehöften, die für die Epoche kennzeichnende soziale Dreiteilung wiederfand. Um die Kirche und in Richtung des östlichen Ortsteils gruppierten sich herrschaftliche Adelsgüter und große Bürgerliche Weingüter, wie das markante an der Hauptstraße 29 gelegene Haus Wachendorff. Die Hauptstraße, mit ihren zahlreichen Ladengeschäften und Gasthöfen hatte damals schon einen ausgeprägt kleinstädtischen Charakter aufgewiesen. Kleinere landwirtschaftliche Betriebe, wie in der Eberbacher Straße 6 und 8 oder Georg-Müller-Straße 4 arrondierten sich um diesen Ortskern herum. Am Rande der dörflichen Siedlung lagen die kleinen Anwesen der Tagelöhner und Weinbergsarbeiter, so zum Beispiel in der Neugasse, wie die Wilhelmstraße vor 150 Jahren hieß. Die konsequente Umbenennung ihrer Straßennamen bezeichnete Reuter überhaupt als ein ins Auge stechendes Markenzeichen der Hattenheimer. So wurde im Lauf der Zeit aus der Hintergasse der Burggraben, aus der Kronenstraße die Georg-Müller-Straße und aus der Böhlgasse die Eberbacher Straße. Bei der Untersuchung der Geschichte von Haus Wachendorff, benannt nach der Unternehmerfamilie, die es 1918 erworben hatte, registrierte Reuter zunächst mit Erstaunen, dass keine aktuelle Verbindung zwischen Anwesen und Weinbau vorlag, obwohl alte Pläne im Keller Platz für 80 rheinische Stück-Fässer ausweisen. Auch hier half Reuter ein Besuch des Staatsarchivs: 1840 hatte der Frankfurter Bankier Moritz von Bethmann das Anwesen noch mit 30,6 Morgen Weinbau erworben um dort exklusive Weine zu erzeugen. 1886 wird dann als neuer Gutsbesitzer Prinz Albrecht von Preußen geführt, dem auch Schloss Reinhartshausen gehörte. Bereits fünf Jahre später ist das Anwesen unter dem nächsten Eigentümer, dem preußischen General Paul Robert-Tornow verzeichnet, nur Weinbau gibt es seitdem nicht mehr. Des Rätsels Lösung: Allem Anschein nach hatte es Prinz Albrecht nicht übers Herz gebracht sich von seinen schönen Hattenheimer Weinbergen zu trennen. Reinhard Reuter: Dörfer in Hessen, Band 3, Landesamt für Denkmalpflege Hessen.

Weitere Informationen zu Hattenheim finden Sie unter: http://www.hattenheim.de