Die gute Nachricht ist, dass es eine neue Ausgabe des "Doppelkorn" gibt. Die schlechte, dass der Kneipen- und Restaurantführer wieder nicht in die Hosentasche passt. Was allerdings auch nicht verwundert. Denn immerhin 600 Lokalitäten in Wiesbaden und dem Rheingau werden beschrieben, zur Hölle gewünscht oder in den Himmel gelobt. Alles sehr subjektiv, mal witzig, mal ernst, mal gemein, mal liebevoll, stets aber ungeheuer informativ.
Eigentlich heißt das Büchlein mit richtigem Namen "Wo die Nacht den Doppelkorn umarmt". Aber das sagt eigentlich niemand - kurz und knapp "Doppelkorn" nennen es seine Freunde. Von denen sind viele mit dem umfassendsten Führer in die Tresen-Welt Wiesbadens und Umgebung groß geworden, denn immerhin 20 Jahre hat der "Doppelkorn bereits auf dem Buckel.
Doch wie es so ist mit manchem hochprozentigen Getränk - je älter, je besser. Alle paar Jahre wird der "Doppelkorn" neu geschrieben und jedesmal auch dicker. 600 Lokale, Restaurant mit und ohne Sterne, Bistros, Cafés, Kaschemmen, Imbissbuden, Eckneipen und sogar das eine oder andere Bordell - das ist mehr als rekordverdächtig und lässt für Wiesbadens Nachtleben hoffen. So schlimm wie oft behauptet kann es darum nicht bestellt sein, wenn sich damit immerhin 416 Seiten genussvoll füllen lassen.
Der erste Blick auf die neue Ausgabe 2006/2007 macht noch stutzig, wenn der Blick auf die Rückseite des Einbands mit der Werbung für Mineralwasser fällt. Doch innen werden die Dinge schnell zurecht gerückt. Da nämlich steht die Anzeige für den echten Doppelkorn. Der Name ist Programm - hier schreibt keiner, der den kleinen Finger abspreizt, wenn er zum Glas greift. Hier wird vorgegessen und vorgetrunken für alle, die es nachmachen wollen.
Der Macher des "Doppelkorn" heißt Willi Hau, ist inzwischen so um die 60, Ex-Lastwagenfahrer, Magister der Publizistik und könnte als Proto-Typ des liebenswerten Alt-Spontis durchgehen. "Weißt Du", sagt er im Gespräch, "dieser Kneipenführer hat einfach etwas mit unserem Spaß am Alltag zu tun."
Hau und seine Tester versichern, jede Lokalität selbst besucht zu haben, und zwar unangemeldet, damit kein Wirt die Gelegenheit habe, "uns mit der künstlichen Inszenierung seiner schönsten Seite zu blenden". Jedes Essen und jedes Bierchen würden selbst bezahlt - "für unsere Unbestechlichkeit verpulvern wir ein Vermögen", heißt es. Im Doppelkorn verbirgt Willi Hau sich übrigens hinter dem Pseudonym "Peter Polaroid".
Berührungsängste haben die Doppelkorntester nicht. Die "Andreas-Klause" am Elsässer Platz mit seinen legendären Rumpsteaks für den kleinen Geldbeutel (Kommentar: "Vorwärts, und nicht vergessen) steht einträchtig neben der "Ente" im Nassauer Hof ("Und wenn schon...); der "Imbiss Nr.1" am alten Güterbahnhof ("Satt und weg") und der "Bumerang" im Westend ("Still alive") vertragen sich wunderbar mit dem Weinhaus Sinz in Frauenstein ("Einladend") oder dem Kronenschlösschen in Hattenheim ("Fessle mich").
Nachtschwärmer, Weinfreunde, Gourmets oder Kaffee-Genießer finden ihre eigenen Rubriken. Nichts fehlt, nicht einmal die "Rote Meile" ("Dreamland, ich komme"). Sterne, Mützen oder irgendeine Benotung sucht der Leser allerdings vergebens. Schließlich habe jeder einen anderen Geschmack, schreibt der Doppelkorn, und jedes Lokal sei für irgendwen wichtig. Wirte seien ohnehin eine schützenswerte Spezies, denn wer heute noch ein Restaurant, eine Bar, eine Kneipe aufsperre, der sei "ein moderner Held." Doch das geht nicht so weit, dass die Kneipiers geschont würden, wenn es den Testern nicht geschmeckt hat. Ein Wirt, der Hohn und Spott nicht verträgt und nicht als Ansporn versteht, sollte einen Bogen um gute Buchhandlungen machen.
Peter Polaroid, "Wo die Nacht den Doppelkorn umarmt, Wiesbaden - Rheingau - Taunus 2006/2007". Verlag E.A.R II, ISBN 3-935258-07-0, acht Euro. Den "Doppelkorn" gibt es auch für Mainz, Darmstadt, Frankfurt.
Weitere Informationen zu Hattenheim finden Sie unter: http://www.hattenheim.de