Bericht - Fuhrmanns liederliches Treiben


Im Jahre 1841 und/oder 1842 besuchte der englische Maler George Barnard die damals weltberühmten "Taunusbäder". Was ihm hier auffiel, hielt er in wunderschönen Gemälden und Farblithographien fest. Hans Dieter Schreeb beschreibt Barnards Impressionen und das Badeleben von damals.

Als Barnard Wiesbaden malte, war Herzog Adolph, von Gottes Gnaden der Herrscher des Landes, noch ein junger Mann (geboren 1817) und sehr unsicher auf seinem Thron. Das Wiesbadener Stadtschloss - außen schlicht, innen luxuriös - war sozusagen gerade bezogen worden, und das Gast- und Badehaus "Nassauer Hof" am Theater-, später Kaiser-Friedrich-Platz war ein gediegener, zweistöckiger Bau und sonst nichts. Das Haus war 1818 erbaut und 1830 erweitert worden, besaß nun einen Erker und Ställe für achtzig Pferde. Ansonsten war man für ein gutbürgerliches Publikum da: "Die besseren Kurfremden wohnten damals meist im `Adler` oder in den `Vier Jahreszeiten`". Nichts deutete auf den späteren Hotelpalast hin, wie wir ihn kennen. Man hat überhaupt Mühe, sich das damalige 15000-Einwohner-Städtchen und das Wiesbaden von heute als die beiden Seiten einer Medaille vorzustellen. Manches, was wir kennen, gab es bereits, das Meiste noch nicht. Der entscheidende Unterschied liegt aber im geistigen Klima. Bei aller Freude, dass man Kurgäste aus allen "Kulturstaaten" begrüßen durfte, herrschte doch ein sehr enger Kleinstadt-Geist. Das Stadtarchiv bewahrt die Akte Andreas Fuhrmann auf. Da kämpft ein Tagelöhner um die Erlaubnis, sich in Wiesbaden niederlassen zu dürfen. Daraus erwächst ein langes Hin und Her zwischen den städtischen Ämtern und der herzoglichen Regierung und natürlich auch ein Hin und Her zwischen Fuhrmann und den Ämtern. Der Stoff gibt ein ganzes Theaterstück ab und beginnt mit einem Bericht des Amtmanns an die Landesregierung: "Betreffend: Das Gesuch des Andreas Fuhrmann von Hattenheim, H. Amt Eltville, um Entlaßung aus dem Gefängniß und Gestattung des temporären Aufenthalts dahier. Der unbewaffnet beurlaubte Soldat Andreas Fuhrmann Unsere Serie von Hattenheim befand sich im Frühjahr wegen einer syphilitischen Krankheit im hiesigen Hospital, entsprang daraus und wurde gleich darauf bei der Johannette Funk von hier, mit welcher er Umgang hat und die er heirathen zu wollen angiebt, angetroffen. Er hat sich späterhin längere Zeit dahier aufgehalten und durch unsittliches Zusammenleben mit der Genannten öffentlichen Anstoß erregt. Ich sah mich dadurch veranlasst, ihm den Aufenthalt in hiesieger Stadt zu untersagen, welche Verfügung um so mehr gerechtfertigt war, als aus den Verhältnißen des Andreas Fuhrmann und der Johannette Funk anzunehmen ist, daß sie die Heirathserlaubniß nicht erhalten werden. - Die erfolgte Ausweißung unbeachtet laßend fand sich Fuhrmann wieder dahier und wurde in der Nacht vom 14/15 laufenden Monats in der Wohnung der Johannette Funk arrestiert und am anderen Tage wegen seines liederlichen Treibens und zwecklosen Aufenthalts in hiesiger Stadt mit einer dreitägigen Gefängnißstrafe belegt, nach deren Erstehung auch wiederholt von hier ausgewiesen. Darauf fand er sich abermals dahier ein, wurde in der Nacht 19/20 laufenden Monats zum drittenmal bei seiner Verlobten festgenommen, hierauf zu einer zweitägigen Gefängnisstrafe verurtheilt und nach deren Verbüßung auf den Schub in seine Heimath gebracht. Das Gesuch um Gestattung des temporären Aufenthalts zu Wiesb. wird durch nichts unterstützt, erscheint vielmehr nach den erwähnten Verhältnissen ganz unstatthaft und dürfte daher abzuweisen sein." Unter dem Aktenzeichen Ad Reg. 37976 heißt es: "Dem Gesuch um Gestattung des temporären Aufenthalts zu Wiesb. ist nicht willfahrt worden, Wiesb. 29 Sptber 1838." Fuhrmann muss ein ungewöhnlich hartnäckiger Mensch gewesen sein. Nach vielen Schreiben und immer neuen Anträgen wurde ihm das Wiesbadener Bürgerrecht gewährt und seine Johannette durfte er schlussendlich auch heiraten. Von solchen Dramen findet sich nichts in den Romanen der Zeit, die das "Badeleben" schildern, und auch nichts in Barnards Bildern und nachmaligen Lithographien. Er zeigt wohl situierte Menschen im Kurpark und am Kochbrunnen, in der Spielbank und vor dem "Kursaal". Er könnte sie auch beim Einkaufen zeigen. Wie es sich für ein Luxusbad gehörte, wurden hier Luxuswaren angeboten, die man normalerweise nur in Metropolen wie Paris oder London fand. Der verehrten Kundschaft wurden präsentiert: teure Parfüms und exquisite Seifen, teure Uhren, teurer Schmuck und teure Spazierstöcke, alle Arten Galanteriewaren, reich dekorierte Hüte, Tuche und Leinwand, Spitzen, Stickereien, Handschuhe, Hausschuhe, überhaupt Schuhe und Stiefel. Im Angebot waren aber auch Brillen und Lupen und ein breites Sortiment "Schildkrötwaren", also Artikel aus Schildpatt, vor allem Schmuckkämme, und Elfenbeinschnitzereien, des Weiteren gedrechselte und geschnitzte Holzwaren, Spielzeug aus Nürnberg, Körbe, Glaswaren und Modeschmuck. Für ein exotisches Flair sorgten Händler aus Tunis und Algier. Sie handelten mit "orientalischen Waren" wie bunte Tücher sowie Messing- und Kupferartikel. Zur Erinnerung an die Badekur und für die Lieben zu Hause konnte man sich von Schnell- und Straßenmalern en miniature porträtieren lassen. Ihnen erwuchs in den "Lithographen" und "Photographen" bald Konkurrenz: Bereits 1842 bot ein gewisser Carl Ziß "Daguerreotypie-Porträtphotos" an. Daraus entwickelte sich ein neuer Gewerbezweig, der bald aus den Badeorten nicht mehr wegzudenken war: Der Schnellphotograph. Am Ende verging zwischen Aufnahme und Auslieferung des Photos keine Stunde! In Wiesbaden wurden die Luxuswaren vor allem in speziellen Boutiquen in den Kolonnaden verkauft. Anderswo wurden diese Dinge in Buden und an offenen Ständen angeboten. Bei den Läden in der Brunnenkolonnade handelte es sich um feste, stattliche Geschäfte, oft um Filialen von ortsansässigen Firmen. Die Domänendirektion, die für die Vergabe der Konzessionen zuständig war, achtete darauf, dass das Warenangebot der Saison-Händler möglichst das Angebot am Ort ergänzte und den heimischen Kaufleuten keine Konkurrenz erwuchs. Und kassierte ab: Die Mieten waren exorbitant hoch. Finanzielle Vorteile vom Kurbetrieb hatten natürlich in erster Linie die Gast- und Badewirte. Auffallend ist, dass zwischen 1810 und 1840 - sieht man von den "Vier Jahreszeiten" und dem "Nassauer Hof" ab - so gut wie keine neuen Badhäuser gebaut wurden. Die alten wurden aber renoviert und oft beträchtlich vergrößert. Anders hätte man den Ansturm nicht bewältigen können. Auch Handwerk und Gewerbe nahmen zwar zu, jedoch nicht in dem Maße wie die Einwohnerzahl. Außerdem entstanden einige Fabriken, denen war jedoch keine lange Lebensdauer beschieden. Das größte Unternehmen war die Tuchfabrik der Gebrüder Löwenherz im Nerotal mit sechzehn Webstühlen und hundert Arbeitern. Ebenfalls im Nerotal ansässig war die Lohmühle von Franz Caspar Nathan. Beide Betriebe hatten wegen der Verschmutzung des Schwarzbachs bald die halbe Stadt gegen sich. Sie mussten die Produktion einstellen und wurden in "Kaltwasserheilanstalten" umgewandelt. Diese Kaltwasserkuren hatte der schlesische "Wasserdoktor" Vinzenz Prießnitz populär gemacht. Während anfangs nur so genannte Naturärzte und Kurpfuscher die Kaltwasserbehandlung empfahlen, wurde sie bald von ausgebildeten Ärzten erprobt und zu einer ernstzunehmenden Heilmethode bei Nervenleiden und Stoffwechselkrankheiten ausgebaut. Bei dieser Kur erhielt der Patient Anwendungen mit kaltem oder leicht temperiertem Wasser in Form von Tauchbädern, Duschen aus großer Höhe, Teil- oder Ganzkörpergüssen, Waschungen und Umschlägen sowie Schwitzwickeln, Klistieren und Spülungen. Außerdem wurde Gymnastik sowie strenge Diät verlangt. Merke: "Zur Wasserkur gehört Charakter; wer keinen Charakter hat oder seine Schwäche nicht stärken will, der bleibe weg von der Wasserkur.

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