Auf mehr als 100 Seiten listet der Masterplan für den Regionalpark Rheingau Vorhaben auf. Im Leitbild heißt es: "Die vom Weinbau geprägte Kulturlandschaft im Rheingau besticht durch ihre Einzigartigkeit." Dagmar Söder vermisst aber fundierte Aussagen, was unter dieser Kulturlandschaft zu verstehen ist. Die Architektin arbeitet im Landesamt für Denkmalpflege, erstellt die Denkmaltopografie für den Rheingau und war an der Expertise zur Ausweisung des Mittelrheintals als Weltkulturerbe beteiligt. Ihr fällt auf, dass die historische Kulturlandschaft ständig gepriesen und trotzdem dem Verfall preisgegeben wird. Ein Paradebeispiel ist die Kulturlandschaft von Kloster Eberbach.
In sechs Jahrhunderten war Eberbach das "reichste Kloster im Umfang des jetzigen Herzogtums Nassau" geworden, heißt es in einer Beschreibung aus dem Jahr 1862. In der Zentrale in dem stillen Tal zwischen Eltville und Hattenheim liefen die Fäden zusammen. Die Aktivitäten von hier aus prägten die umliegende Landschaft. Dagmar Söder deckt die noch vorhandenen Elemente dieser Kulturlandschaft bei Begehungen zwischen Walluf, Oestrich, Hallgarten und Hof Mappen auf. Auf der anderen Rheinseite gehören die Nonnenaue und der Sandhof bei Heidenfahrt dazu. An Luftbildern, in alten Schriften und Landkarten hat sie den Blick für die Hinterlassenschaften des mächtigen Wirtschaftsbetriebs geschärft.
Auf dem Durchgangsweg, der dicht an ihren Zellen vorbeiführte, störte die Mönche bald "das Geräusch des Fahrwesens und der gewöhnliche Lärm der Kärrner" so, dass sie ihn im Jahr 1173 zum Schuhberg hin verlegten. Erst in unseren Tagen, 800 Jahre später, verschwindet der Weg unter Laub und Altholz. Markante Bäume, die ihn säumten, wurden im letzten halben Jahr gefällt, stellte Dagmar Söder fest. Den Acker auf dem Schuhberg und das Klosterwäldchen freilich hat der Zufall in ihrem Jahrhunderte alten Umriss genau erhalten. Söder vermisst, was der Regionalpark leisten könnte: einen Hinweis auf Geschichte und Bedeutung dieses Bereichs.
Altes Wehr verschwindetHinter dem Gaisgarten, wo die Mönche Ziegen hielten, findet sich auf dem Weg zum Hof Mappen in der Nähe des "Mönchsbrunnen" eine alte Brücke - vor 800 Jahren war sie, wie Söder vermutet, ein Stauwehr. Eine Schrift im Jahr 1771 bewundert noch das "mühsame und kostspielige Werk einer Wasserleitung aus einer beträchtlichen Ferne ins Kloster". Erbaut im Jahr 1174, war es damals schon 600 Jahre alt. Eindeutig ein Stauwehr findet sich nach Söders Feststellung jedenfalls westlich des Klosters. Es besteht aus Kalksteinquadern mit Ornamentik der romanischen Frühphase des Klosters. Söders Befund: "Das Wehr samt Graben droht unter Altholz und Bewuchs zu verschwinden."
Zugewachsen und kaum zugänglich ist der Weg aus Richtung Kiedrich zum Kloster, den alte Abbildungen zeigen. Söder: "Nur die Brücke und ein Rest des alten Wegs sind noch vorhanden." Ebenfalls unter Aufwuchs verschwindet die Bernhardskapelle. Sie steht in einem ehemals vermutlich offenen Gelände. Vielleicht diente es dem Obstanbau, den die Mönche auch auf der Nonnenau betrieben. Noch 800 Jahre nach der Gründung besteht dort noch ein Hof mit ausgedehnten Obstkulturen. Früchte und Gemüse spielten in der zisterziensischen Speisevorschrift eine große Rolle.
Neue Flurpläne leisten dem Verfall und achtloser Zerstörung Vorschub. Die Karten sind "entrümpelt": Gräben, Mauer- und Wegereste verzeichnen sie nicht mehr, sie geben keine Hinweise mehr auf Spuren der historischen Kulturlanschaft.
Verblüffend genau sind Karten aus dem 18. Jahrhundert. Sie zeigen das Wegenetz von Eberbach zu seinen Wirtschaftshöfen. Die heutige Eberbacher Straße in Erbach war eine Hauptverbindung zur Zentrale. In ihrer Fortsetzung auf freiem Feld stehen vereinzelt Nußbäume. Sie bilden eine Reihe, auch trotz großer Lücken erkennbar, wenn man ihren Ursprung kennt - der Rest der "Nußbaumerallee" auf einer Karte von 1751. Der alte Weg bietet die Perspektiven auf das Kloster, wie sie auf romatischen Abbildungen im frühen 19. Jahrhundert festgehalten sind. Ein Acker schneidet aber in Höhe von Gut Neuhof den weiteren Verlauf ab, der sich wohl über fast 800 Jahre hatte erhalten können. Auch die Wege von Hattenheim und Hof Reichartshausen zum Kloster waren von Nußbäumen gesäumt. Die Bäume dort sind verschwunden, die Wege zum Teil zerschnitten und ebenfalls verschwunden. Der "Klosterweg" vom Kloster an Kiedrich vorbei über das Hohe Feld nach Drais und zur Klostermühle in Eltville ist weitgehend noch vorhanden, durch die Nordumgehung aber von seinen Zielen abgetrennt. Eine Umgehungsstraße für Kiedrich würde den Klosterweg weiter zerstören.
Der Regionalpark, meint Söder, könnte die noch bestehenden Eberbacher Wege in seine Routen aufnehmen, Alleen wieder herstellen und Hinweise auf ihre geschichtliche Bedeutung geben.
Nach 800 Jahren intaktDer besterhaltene Eberbacher Wirtschaftshof ist wie die anderen im Rheingau über 800 Jahre alt und liegt zwischen Eltville und Walluf. Söder: "Der Steinheimer Hof in seiner ungebrochenen Nutzungskontinuität ist auch heute noch das authentische Bild einer Grangie." Als typisches Element der Kulturlandschaft Kloster Eberbach fällt die große Ackerfläche zwischen der Eisenbahnlinie, Oberwalluf und Eltville Ost deutlich aus dem kleinparzelligen Rahmen der Umgebung. Auf einem Satellitenfoto sticht dieser Teil der Kulturlandschaft Kloster Eberbach auch heute noch hervor. Zwischen alter B 42 und Rhein ist auch der uralte Hohlweg noch vorhanden, auf dem die Güter transportiert wurden. Ebenfalls aus dem 12. Jahrhundert stammt der Hof Reichartshausen, heute "Schloss" genannt. Ihn mag, wie Söder einräumt, die European Business School als neuer Eigentümer im zisterziensischen Geist der wirtschaftlichen Optimierung betreiben. Aber die Außenanlage widerspreche dem historischen Anspruch: ein geschottertes Areal und Autoparkplätze, das Hörsaal- und Bibliothekgebäude von Christoph Mäckler ohne gärtnerische Einbindung. Die Architektin: "Wie fallen gelassen". Ein gutes Bild gibt indessen noch der ursprünglich zu Reichartshausen gehörige Pfaffenberg ab. In ungeteilter Bewirtschaftung von Schloß Schönborn, mit einer Entstehungsgeschichte ähnlich wie die des Steinbergs, wie dieser von einer Mauer umgeben, allerdings viel weniger beachtet, ist auch er ein Kennzeichen der Kulturlandschaft Kloster Eberbach.
Söder demonstriert am Beispiel Eberbach Spuren der Kultur in der Landschaft. Sie will nur "angedeutet" haben, wie der Rheingau zu untersuchen wäre, um seine Einzigartigkeit zu erhalten, den Verfall zu stoppen und die Kenntnisse für weitere Planungen zu nutzen.
Weitere Informationen zu Hattenheim finden Sie unter: http://www.hattenheim.de